تخطَّ إلى المحتوى
Nelum
قوانين ألمانيا

Arable Farming Strategy 2035. Prospects for Productive and Diverse Crop Production

صدر في 2021-08 · النص بتاريخ 2026-10-01

القانون العام والإرشادات الرسمية منشورة بوصفها أبحاثاً. ليست مشورة قانونية أو ضريبية أو مالية.

البحث نفسه مكتوب بالإنجليزية. العناوين والوسوم مترجمة؛ أما النتائج والاقتباسات فغير مترجمة.

عن هذا القانون

العنوان الأصلي
Ackerbaustrategie 2035. Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau.
اللغة
German
النوع
policy
الدولة
ألمانيا
الموضوعات
Agricultural and rural development, Environment, Food and nutrition, Cultivated plants
الكلمات المفتاحية
farming, agricultural development, crops, equipment, innovation, soil conservation/soil improvement, biodiversity, climate change, community management, special fund, environmental impact assessment (EIA), emissions, sustainable development, policy/planning, food safety and quality, nutrition, research, international agreement-implementation, plant production
الفئات
agriculture

أين تقرؤه

    لا يوجد رابط مصدر مسجل لهذا القانون.

النص

نص القانون نفسه، مادةً مادة، كما هو محفوظ. لكل مادة رابطها.

  1. Ackerbaustrategie 2035 Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau https://www.bmel.de https://twitter.com/bmel https://www.instagram.com/lebensministerium ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau INHALT Vorwort 3 1. EINLEITUNG 1.1 Warum diese Strategie 5 1.2 Hintergrund und Vorgehen 6 1.3 Verknüpfung mit bestehenden Strategien 6 1.4 Der Ackerbau im Jahr 2021 8 1.5 Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union 9 1.6 Herausforderungen 10 2. LEITLINIEN 3. HANDLUNGSFELDER Fachliche und produktionsbezogene Handlungsfelder 3.1 Boden 19 3.2 Kulturpflanzenvielfalt und Fruchtfolge 22 3.3 Düngung 26 3.4 Pflanzenschutz 29 3.5 Pflanzenzüchtung 31 3.6 Digitalisierung 33 3.7 Biodiversität 35 3.8 Klimaanpassung 38 Übergreifende Handlungsfelder 3.9 Klimaschutz 41 3.10 Bildung und Beratung 43 3.11 Landwirtschaft und Gesellschaft 44 3.12 Begleitung der Umsetzung 46 4. ÜBERBLICK Aufbau der Ackerbaustrategie 2035 51 5. ANHANG Öffentlicher Diskussionsprozess 55 Bewertungsmatrix 55 Impressum 60 3 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Vorwort die Landwirtschaft und insbesondere der Ackerbau prägen unsere Landschaft in Deutschland. Unsere Landwirtinnen und Landwirte sichern unsere Versorgung mit hochwertigen und sicheren Nahrungsmitteln. Sie leisten mit ihrer Arbeit wichtige Beiträge zum Schutz von Umwelt, Natur und Klima. Dabei gilt es gleichermaßen globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel und dem Rückgang an Biodiversität und Artenvielfalt zu begegnen und auch steigende gesell schaftliche Ansprüche an die Art und Weise der Erzeugung zu berücksichtigen. Unsere Landwirtinnen und Landwirte sind bereit, diese Herausforderungen anzunehmen, benöti gen dabei jedoch Unterstützung von Politik, Wissenschaft und Gesellschaft. Mit ihrer Arbeit leisten sie eine wertvolle, zu honorierende Gemeinwohlleistung. Mit unserer Ackerbaustrategie wollen wir Perspektiven für die weitere Entwicklung des Pflanzenbaus aufzeigen. Wir wollen die Landwirtschaft auf dem Acker fit für die Zukunft machen, damit wir auch künftig eine sichere, ausreichende und qualitativ hochwertige Versorgung mit Nahrungs- und Futtermitteln sowie nachwachsenden Rohstoffen aus Deutsch land haben. Wir skizzieren deshalb in dieser Acker baustrategie, welchen Rahmen wir setzen wollen, um unseren Landwirtinnen und Landwirten Planungssicherheit zu geben. Welche Verantwortung auch Verbraucherinnen und Verbraucher übernehmen müssen, um die Leistungen der Landwirtschaft angemessen zu honorieren, und wie sie dazu befähigt werden. Dabei orientieren sich die in dieser Strategie formulierten Ziele und Maßnahmen an sechs Leitlinien, zu denen die Ernährungssicherung unserer Gesellschaft gehört, aber auch die Einkommenssicherung der Landwirtinnen und Landwirte. Den Klima-, Umwelt- und Ressourcenschutz gilt es ebenso zu berücksichtigen wie den Erhalt der Biodiversität. Darüber hinaus wird es darum gehen, unseren Ackerbau an die Fol gen des Klimawandels anzupassen und die gesellschaftliche Akzeptanz für seine Produktionsverfahren zu erhöhen. Unsere Ackerbaustrategie hat nicht den Anspruch, ein Hand buch für jeden einzelnen Betrieb zu sein. Wir vertrauen auf unsere gut ausgebildeten Landwirtinnen und Landwirte, dass sie mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung auf ihrem indivi duellen Betrieb die richtigen Entscheidungen treffen und sich unter neuen angepassten Bedingungen weiterentwickeln. Mit dieser Ackerbaustrategie wollen wir aber einen Rahmen schaffen, wollen Impulse setzen und mutig in die Zukunft schauen. Aber lesen Sie selbst. Herzlichst Ihre Julia Klöckner Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft Liebe Leserinnen und Leser, „Wir wollen die Landwirtschaft auf dem Acker fit für die Zukunft machen, damit wir auch künftig eine sichere, ausreichende und qualitativ hochwertige Versor gung mit Nahrungs- und Futter mitteln sowie nachwachsenden Rohstoffen aus Deutschland haben.“ 1 Einleitung 5 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau 1.1 Warum diese Strategie? Der Ackerbau leistet mit Abstand den größten Beitrag zur Versorgung von Mensch und Tier in Form von Nah­ rungsmitteln und Futtermitteln. Er ist die Grundlage für unsere Ernährung und somit eines der wesentlichen Fundamente der Bioökonomie. In den vergangenen Jahrzehnten haben Landwirtinnen und Landwirte auf der Grundlage von Forschung und Innovationen eine enorme Leistungssteigerung im Ackerbau erreicht. So ernährt eine Landwirtin bzw. ein Landwirt inzwischen unter Berücksichtigung von Importfuttermitteln etwa 150 Menschen; im Jahr 1900 waren es etwa zehn. Dies er­ möglicht uns in Deutschland eine gesicherte Ernährung mit Nahrungsmitteln von hoher Qualität zu erschwing­ lichen Preisen. Die relativ hohe Intensität des Ackerbaus in Deutschland hat Auswirkungen auf Umwelt, Natur und Klima. Es kön­ nen Zielkonflikte zwischen wirtschaftlichem Ackerbau und den Zielen des Umwelt­, Natur­ und Klimaschut­ zes auftreten. Die Zielkonflikte müssen benannt und praktikable Lösungen angeboten werden. Das ist eine gemeinsame Aufgabe vornehmlich der Landwirtinnen und Landwirte, der politisch Verantwortlichen, der Wis­ senschaft und Forschung sowie der Verbraucherinnen und Verbraucher. Mehr Umwelt­, Natur­ und Klima­ schutz führt in der Regel zu höherem Aufwand und/oder niedrigeren Erträgen für die landwirtschaftlichen Be­ triebe. Ziel muss es also sein, die Nachhaltigkeit in ihren drei Dimensionen der Ökonomie, der Ökologie und des Sozialen zu betrachten. Die Weiterentwicklung der guten fachlichen Praxis ist in diesem Sinne zu gewährleisten. Wenn wir eine sichere, ausreichende und qualitativ hochwertige Versorgung mit Nahrungs­ und Futter­ mitteln und nachwachsenden Rohstoffen aus Deutsch­ land wollen und der Ackerbau so weit wie möglich die Anforderungen des 21. Jahrhunderts an eine nachhalti­ ge (ökologisch, ökonomisch und sozial zukunftsfähige) Landwirtschaft erfüllen soll, bedarf es zusätzlicher und gemeinsamer Anstrengungen über die Leistun­ gen hinaus, die Landwirtinnen und Landwirte bereits erbringen, insbesondere für den Arten­, den Boden­, den Gewässer­ und den Klimaschutz. Dabei sind neben der Zahlungsbereitschaft der Verbraucherinnen und Verbraucher für zusätzlich erbrachte Gemeinwohlleis tungen des Ackerbaus auch öffentliche Mittel notwen­ dig, um Veränderungen anzustoßen und diese möglich zu machen. Landwirtinnen und Landwirte müssen in der Lage sein, die von ihnen geforderten Gemeinwohl­ leistungen zu erbringen. Die vorliegende Ackerbaustrategie soll im Hinblick auf die Nahrungsmittel­, Futtermittel­ und Rohstoffversor­ gung sowie die umwelt­, natur­ und klimapolitischen Herausforderungen eine Perspektive für den Ackerbau in den kommenden 15 Jahren anbieten, in der: → die Grundversorgung mit sicheren Nahrungsmitteln, Futtermitteln und biogenen Rohstoffen auf heim­ ischer Basis in der erforderlichen Qualität langfristig gewährleistet werden kann → die Landwirtinnen und Landwirte angemessene Einkommen erzielen → konventioneller und ökologischer Ackerbau von­ einander lernen und Synergien nutzen → die Vielfalt der Kulturpflanzen auf den Äckern in der Fläche wieder deutlich zunimmt → die Düngung sich noch stärker an den Nährstoff­ bedarf der jeweiligen Kulturpflanzen anpasst und einen Beitrag zur Verbesserung der Bodenfruchtbar­ keit und Humusversorgung leistet → Pflanzenschutz wieder stärker im Gesamtsystem des Ackerbaus gesehen wird → die Biodiversität in den Agrarlandschaften durch koordinierte Maßnahmen deutlich erhöht wird → digitale Technologien dazu beitragen, die Effizienz und Nachhaltigkeit deutlich zu steigern → die Pflanzenzüchtung und der Anbau der Pflanzen sukzessive für die Anpassung der Landwirtschaft an die Klimaveränderung sowie im Hinblick auf Resis­ tenzen optimiert werden → der Ackerbau zum Klimaschutz beiträgt → Landwirtschaft und Verbraucherschaft sich wieder stärker aufeinander zu bewegen Die Ackerbaustrategie soll die Landwirtinnen und Landwirte bei der Umsetzung bestehender Vorgaben und der Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Praxis unterstützen, beispielsweise durch zielgerichtete Förderung, Forschung und einen besseren Praxistransfer. Die Ackerbaustrategie soll in Zeiten des Klimawan dels Optionen und Wege aufzeigen, die ein nach haltiger, d. h. ökologisch verträglicher, ökonomisch tragfähiger und sozial ausgerichteter Ackerbau nutzen muss, auch im Hinblick auf eine stärkere gesellschaftliche Akzeptanz. Ökologische Ausge wogenheit und ökonomische Anreize sollen Hand in Hand gehen. 6 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Einleitung 1.2 Hintergrund und Vorgehen Aufgrund der genannten Herausforderungen führen Wissenschaft, Verbände und Zivilgesellschaft zurzeit eine intensive Diskussion über eine Zukunftsstrategie für den Ackerbau. Das Bundesministerium für Ernäh­ rung und Landwirtschaft (BMEL) hat sich an der Debatte mit einem eigenen Vorschlag beteiligt, dem Diskussions­ papier „Ackerbaustrategie 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau“. Die Grund­ lagen dieser Strategie wurden von einer Arbeitsgruppe aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Geschäftsbereiches BMEL und einiger Bundesländer er­ arbeitet, die einen Abschlussbericht mit Empfehlungen für eine deutsche Ackerbaustrategie vorgelegt haben. Das Diskussionspapier des BMEL wurde in einem brei­ ten öffentlichen Prozess diskutiert und anschließend überarbeitet. Die nun vorliegende Ackerbaustrategie soll im Hinblick auf die Nahrungsmittel­, Futtermittel­ und Rohstoffver­ sorgung einerseits sowie die komplexen klima­ und um­ weltpolitischen Herausforderungen andererseits einen gesamtgesellschaftlichen Konsens für einen nachhalti­ gen Ackerbau in Deutschland fördern. Im Rahmen der Strategie werden auch Grenzen der Ver änderung aufgezeigt. Der deutsche Ackerbau ist einge­ bettet in globale Märkte. Die EU ist einer der größten Im­ porteure von Nahrungs­ und Futtermitteln weltweit und gleichzeitig Exporteur vieler landwirtschaftlicher Erzeug­ nisse und somit eng mit den Weltmärkten verknüpft. Eine Ackerbaustrategie darf dies nicht ausblenden. Europäisches Recht und die internationalen Verpflich tungen einer im Wettbewerb stehenden, am Markt orientierten Landwirtschaft sind zu berücksichtigen. So setzt die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europä­ ischen Union wesentliche Rahmenbedingungen für den europäischen und deutschen Ackerbau. Sie fördert nicht zuletzt seine nachhaltige Ausrichtung und soll u. a. von der Landwirtschaft erbrachte, nicht vom Markt entlohnte gesellschaftliche Leistungen honorieren. Aufbau der Strategie Die Ackerbaustrategie gliedert sich in → sechs Leitlinien und → zwölf Handlungsfelder mit Zielen und Maßnahmen. Die Leitlinien beschreiben die Rahmenbedingungen für die zukunftsfähige Ausrichtung des Ackerbaus. Die Handlungsfelder umfassen sowohl fachliche Hand­ lungsfelder – welche die Produktion direkt betreffen und Handlungsspielräume der Landwirtinnen und Landwir­ te darstellen – als auch übergreifende Handlungsfelder mit indirektem Bezug zur Produktion. Für jedes Hand­ lungsfeld sind dabei Ausgangslage, Problemstellung, Zielkonflikte und Ziele benannt. Zudem sind Maßnah­ men für die Umsetzung der Zielstellungen beschrieben. Außerdem sind in jedem Handlungsfeld eine kurze Bewertung der Wirtschaftlichkeit sowie Vorschläge für Indikatoren für die Fortschrittsbewertung enthalten. 1.3 Verknüpfung mit be stehenden Strategien Der Ackerbau ist in die gesamte Landwirtschaft mit Tier­ haltung, Grünlandwirtschaft, Gemüseanbau und Sonder­ kulturen eingebettet. Um die Ackerbaustrategie in diesen Gesamtkontext einzubinden, ist sie verzahnt mit bereits vorhandenen Strategien, Aktionsplänen und Program­ men der EU, der Bundesregierung und des BMEL. Auf europäischer Ebene wird die politische Ausrichtung maßgeblich beeinflusst vom europäischen Grünen Deal („Green Deal“) als neuer Wachstumsstrategie der EU­Kommission. Vor dem Hintergrund klima­ und um­ weltbedingter Herausforderungen spricht sie sich darin u. a. dafür aus, die europäische Wirtschaft ressourcen­ effizient und wettbewerbsfähig zu gestalten sowie das Naturkapital zu schützen und zu bewahren. Als zentrale Elemente des Green Deal sind in diesem Zusammenhang die im Mai 2020 von der EU­Kommission veröffentlichten Strategien „Vom Hof auf den Tisch“ („Farm to Fork“) sowie die EU­Biodiversitätsstrategie für 2030 zu nennen, welche nach Vorlage konkreter Maßnahmenvorschläge mit der Ackerbaustrategie 2035 Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau Diskussionspapier Ackerbaustrategie 2035 Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau Diskussionspapier 7 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau GAP verzahnt werden müssen. Die Farm-to-Fork Stra tegie zielt auf die Gestaltung einer für Verbraucherinnen und Verbraucher, Erzeugerinnen und Erzeuger, Klima und Umwelt förderlichen Lebensmittel versorgungskette sowie auf die Gewährleistung der Ernäh rungssicherheit ab. Zugleich soll im Rahmen der EU­Biodiversitäts strategie für 2030 angestrebt werden, dass sich die bio­ logische Vielfalt in Europa zum Wohle der Menschen, der Natur, des Klimas und unserer Wirtschaft sowie im Einklang mit der Agenda 2030 für nachhaltige Entwick­ lung und mit den Zielvorgaben des Übereinkommens von Paris bis 2030 auf dem Weg der Erholung befindet. An den 17 Globalen Nachhaltigkeitszielen der Agenda 2030 orientiert sich ebenfalls die Deutsche Nachhaltig keitsstrategie der Bundesregierung, die den Kurs für eine nachhaltige Entwicklung in unserem Land be­ stimmt und seit der Aktualisierung 2018 u. a. das Ziel umfasst, den Anteil des ökologischen Landbaus an der landwirtschaftlich genutzten Fläche bis 2030 auf 20 Pro­ zent zu erhöhen. Die Zukunftsstrategie ökologischer Landbau zielt dabei darauf ab, die Rahmenbedingun­ gen für die Entwicklung der ökologischen Land­ und Lebensmittelwirtschaft zu verbessern. Der im November 2016 vom Bundeskabinett beschlossene Klimaschutzplan 2050 sieht in Bezug auf die Reduktion von Treibhausgasemissionen für die Landwirtschaft das Zwischenziel vor, bis 2030 nur noch 58 bis 61 Mio. Tonnen CO ² ­Äquivalente zu verursachen, was eine Minderung von 31 bis 34 Prozent im Vergleich zu 1990 darstellt. Dieses Sektorziel für die Landwirtschaft für das Jahr 2030 wurde mit dem Klimaschutzgesetz von 2019 auf 58 Mio. Tonnen CO ² ­Äquivalente festgeschrieben. Mit der am 24. Juni 2021 vom Bundestag beschlossenen Novellierung des Klimaschutzgesetzes ist eine weitere Reduktion der jährlichen Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft vorgesehen, sodass für das Jahr 2030 für diesen Sektor nun Emissionen von 56 Mio. Tonnen CO ² ­Äquivalenten angestrebt werden. Das im Oktober 2019 beschlossene Klimaschutzprogramm 2030 der Bundesregierung konkretisiert die nationalen Anstren­ gungen zur Umsetzung des Klimaschutzplans 2050 zur Erreichung der CO ² ­Einsparungen und sieht für die Bereiche der Landwirtschaft und der Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft insgesamt neun Maßnahmen vor. Der politische Rahmen für die Anpassung an den Klima­ wandel wird mit der Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel vorgegeben, welche das langfristige Ziel verfolgt, die Verwundbarkeit natürlicher, sozialer und wirtschaftlicher Systeme gegenüber Klimafolgen zu mindern und gleichzeitig die Anpassungsfähigkeit dieser Systeme sowie die Ausnutzung möglicher Chancen zu erhöhen. Teil der Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel ist die Agenda zur Anpassung von Land­ und Forstwirtschaft sowie Fischerei und Aquakultur an den Klimawandel. Die Erhaltung und nachhaltige Nutzung der biologi­ schen Vielfalt in der Land­, Forst­ und Fischereiwirt­ schaft wird durch die Agrobiodiversitätsstrategie verfolgt, wobei das Nationale Fachprogramm pflanzen genetischer Ressourcen der Umsetzung spezifischer Inhalte der Agrobiodiversitätsstrategie dient. Das Natio­ nale Fachprogramm orientiert sich am globalen Aktions­ plan der FAO und stellt den Erhalt und die nachhaltige Nutzung pflanzengenetischer Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft in den Vordergrund. Im Bereich der Biodiversität ist weiterhin die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt zu nennen, die vorsieht, Biodiversität in Agrarökosystemen bis 2020 deutlich zu erhöhen und beispielsweise im Bereich der Bodennutzung eine kontinuierliche Rückführung der Bodenerosion zu erreichen. Mit der Eiweißpflanzenstrategie soll die Attraktivität des Anbaus und der Verwertung von Eiweißpflanzen wie Soja, Lupinen, Bohnen/Erbsen und kleinsamigen Leguminosen in Deutschland erhöht und regionale Wertschöpfungsketten gestärkt werden. Des Weiteren ist der Nationale Aktionsplan zur nach haltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln zu nennen, welcher das Ziel verfolgt, die Risiken für die Gesundheit und die Umwelt, die mit der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln verbunden sein können, weiter zu verringern. Durch das Aktionsprogramm Insektenschutz soll eine Trendumkehr beim Rückgang der Insekten und ihrer Artenvielfalt erreicht werden. Weitere relevante Strategien sind insbesondere auch die Nationale Bioökonomiestrategie, die u. a. eine nachhal­ tige, kreislauforientierte und innovationsstarke deutsche (Land­)Wirtschaft zum Ziel hat, sowie die Nutztierstra tegie, die ein ergänzender Baustein für den Pflanzenbau ist, um eine Minimierung der Umweltbelastungen in Be­ zug auf den hohen Wirtschaftsdüngeranfall zu erreichen. Ziele und Maßnahmen dieser Strategien, Aktionspläne und Programme werden im Rahmen dieser Ackerbau­ strategie berücksichtigt und, wo möglich, verknüpft. Gleichzeitig ergeben sich auch bestimmte Zielkonflikte, die es zu berücksichtigen gilt. Ziel ist es, dass die Aktivi tä­ ten der verschiedenen Strategien komplementär ineinan­ dergreifen und sich gegenseitig ergänzen und verstärken. 8 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Einleitung 1.4 Der Ackerbau im Jahr 2021 Rund die Hälfte der Fläche Deutschlands wird landwirt­ schaftlich genutzt. Von insgesamt rund 16,6 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche entfallen mit rund 11,7 Millionen Hektar rund 70 Prozent auf Acker land. Weitere 29 Prozent werden als Grünland genutzt und nur ein Prozent für Dauerkulturen wie Obst- und Weinbau. Mehr als die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland wird für den Anbau von Futtermitteln ge­ nutzt, auf rund einem Viertel der Fläche werden Kultur­ pflanzen für die direkte pflanzliche Ernährung angebaut. Die restliche Fläche wird für die Produktion von nach­ wachsenden Rohstoffen für Energie und industrielle Verwertung genutzt. Nach den Ergebnissen der Landwirtschaftszählung 2020 wirtschaften aktuell rund 10 Prozent der landwirtschaft­ lichen Betriebe nach den Rechtsvorschriften des ökolo­ gischen Landbaus auf ungefähr 10 Prozent der landwirt­ schaftlich genutzten Fläche. Regional ist die Landwirtschaft in Deutschland differen ziert aufgestellt. So gibt es Regionen mit einer hohen Konzentration in der Tierhaltung und andere Regionen mit vorwiegend ackerbaulicher Nutzung. Dies hängt häu­ fig auch von den bodenklimatischen Bedingungen ab. In Deutschland, wie auch global gesehen, wird im Ackerbau der mit Abstand größte Teil der Nahrungsmittel und Fut­ termittel erzeugt. Daher sind ackerbauliche Produktions­ systeme ein Grundpfeiler der Ernährungssicherung. Vor dem Hintergrund einer weiter wachsenden Weltbe völkerung bei gleichzeitig begrenzt verfügbaren Acker­ flächen, dem stattfindenden Klimawandel, der Notwen­ digkeit der Bewahrung schützenswerter artenreicher Naturräume (u. a. Dauergrünland), notwendiger Beiträge zum Umwelt­, Klima­ und Ressourcenschutz sowie der ökonomischen Rahmenbedingungen muss der Ackerbau – auch in Deutschland – noch stärker auf Ressourcen effizienz und Nachhaltigkeit ausgerichtet werden. In Deutschland werden 11,7 Millionen Hektar ackerbaulich genutzt, das sind 70 Prozent der land wirtschaftlich genutzten Fläche. Der Ackerbau ist ein Grundpfeiler der Ernährungssicherung. Die Landwirtschaft und damit auch der Ackerbau in Deutschland kann nicht losgelöst von der Welternäh­ rung betrachtet werden. Deutschland ist ein bedeuten­ der Importeur von Agrarprodukten und gleichzeitig Exporteur vieler landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Damit leistet die in einem landwirtschaftlichen Gunstraum (Klima, Böden) erzeugende deutsche Landwirtschaft einen Beitrag für die Welternährung. Schätzungen der FAO zeigen, dass die globale Landwirtschaft derzeit die Weltbevölkerung ernähren könnte, jedoch die dafür notwendige Verteilung der Nahrungsmittel weltweit auf absehbare Zeit ein Problem darstellt. LANDWIRTSCHAFTLICH GENUTZTE FLÄCHE NACH NUTZUNGSARTEN IN DEUTSCHLAND Quelle: Statistisches Bundesamt; landwirtschaftlich genutzte Fläche nach Nutzungsart (2020) 70 % Ackerland 29 % Grünland 1 % Dauerkulturen 9 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau Die deutsche Landwirtschaft leistet einen we sentlichen Beitrag zur Ernährung einer wachsen den Weltbevölkerung. Dies muss insgesamt und weltweit umwelt-, natur-, klimaschonend und wirtschaftlich geschehen. In diesem Zusammenhang ist auch die Globalisierung der Landwirtschaft und der Agrarmärkte zu berück­ sichtigen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Landwirtschaft stetig weiterentwickelt. Die Globalisie rung und die gewachsene Marktorientierung der GAP haben zu einer stärkeren Spezialisierung der Landwirt schaft geführt, der internationale Handel wächst stetig. Daher ist es erforderlich, die knappe Ressource Boden effizient für die Versorgung der wachsenden Weltbevöl­ kerung einzusetzen. 1.5 Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union Die GAP setzt wesentliche Rahmenbedingungen für den europäischen und den deutschen Ackerbau. Sie soll u. a. die Erzeugung sichern und zur Einkommenssicherung der landwirtschaftlichen Betriebe beitragen. Sie soll zudem eine nachhaltige Ausrichtung fördern und zum Teil von der Landwirtschaft erbrachte gesellschaft liche Leistungen, die nicht über Markterlöse entgolten werden, honorieren. Mit der 2013 beschlossenen Reform der GAP wurde das Direktzahlungssystem grundlegend überarbeitet, um die Zahlungen noch stärker auf die Entlohnung von Umwelt­ und Naturschutzleistungen auszurichten. Im Rahmen von Cross Compliance gelten Standards zum Erhalt des guten ökologischen und landwirtschaftlichen Zustands (GLÖZ) der Agrarflächen sowie die Grundan­ forderung für die Betriebsführung (GAB). 30 Prozent der Direktzahlungsmittel werden in der Förderperiode von 2014 bis 2022 für das sogenannte Greening verwendet. Dies hat drei Komponenten (Erhalt von Dauergrünland­ flächen, Anbaudiversifizierung, ökologische Vorrangflä­ chen), die als konkrete Leistungen der Landwirtschaft für Klimaschutz, Biodiversität, vielfältige Kulturlandschaften und eine nachhaltige Produktion gefördert werden. Flächen können dabei genutzt, und gleichzeitig kann ein Mehrwert für die Umwelt erzielt werden. Weitere wichtige Instrumente der GAP sind die soge­ nannten Agrarumwelt­ und Klimamaßnahmen der 2. Säule. Sie honorieren freiwillige Leistungen der Landwirtinnen und Landwirte. Die Umsetzung erfolgt im Rahmen der ELER­Programme der Bundesländer. Gefördert wer­ den der Anbau von vielfältigen Kulturen im Ackerbau, die Anlage von Blühflächen/Blühstreifen, Schon­ und Schutzstreifen, die extensive Grünlandbewirtschaftung, die Umstellung auf und die Beibehaltung des ökologi­ schen Landbaus sowie die Pflege und Unterhaltung von Hecken, Knicks, Baumreihen und Feldgehölzen. Der Bund beteiligt sich finanziell über die Gemeinschaftsauf­ gabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küsten­ schutzes“ (GAK) an diesen Maßnahmen. Darüber hinaus bieten die Länder eine Vielzahl regio­ nalspezifischer Fördermaßnahmen wie den Erhalt alter Pflanzensorten und Tierrassen an. In Deutschland kommen derzeit bereits auf etwa 4,4 Millionen Hektar, das ist rund ein Viertel der landwirtschaftlichen Fläche, Maßnahmen zum Tragen, die dem Schutz der Umwelt und der biologischen Vielfalt dienen. An den Agrarumwelt maßnahmen beteiligen sich rund 110.000 land wirtschaftliche Betriebe und leisten so freiwillig einen Beitrag zum umwelt- und klimaschonenden Wirtschaften. Im Rahmen der Weiterentwicklung der GAP setzt sich die Bundesregierung dafür ein, die Leistungen der Land­ wirtschaft zum Schutz der Umwelt, der Biodiversität, des Klimas, des Tierwohls und der natürlichen Ressourcen stärker zu honorieren. Mit der sogenannten erweiter ten Konditionalität, einer Kombination aus bisherigem Greening und Cross Compliance, soll insbesondere der Erhalt von Direktzahlungen noch stärker an die Einhal­ tung von Umwelt­ und Klimavorschriften gebunden werden. Damit wird die Nachhaltigkeit der landwirtschaft­ lichen Produktion unterstützt und für das Gemeinwohl erbrachte Leistungen werden entlohnt. Dabei ist die sogenannte Grüne Architektur das Kernelement der neuen GAP zur Umsetzung der angestrebten Erhöhung des Umwelt­ und Klimaschutzambitionsniveaus. Denn damit wird festgelegt, wie die Landwirtschaft mehr Umweltleistungen erbringen und wie dies praktikabel und umsetzbar für die landwirtschaftlichen Betriebe gewährleistet werden kann. So kann die wichtige Funk­ tion der Direktzahlungen, die Einkommen von landwirt­ schaftlichen Betrieben zu stabilisieren, mit erweiterten Möglichkeiten kombiniert werden, um Biodiversität und Klima bei der landwirtschaftlichen Nahrungsmittelpro­ duktion noch mehr zu berücksichtigen. 10 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Einleitung 1.6 Herausforderungen Ökonomie Die in der Landwirtschaft erwirtschafteten Bodenrenten (Grundrente) sind zum Teil geringer als der Pachtzins bzw. der gesamte betriebliche Pachtaufwand. Dies wird innerbetrieblich quersubventioniert durch eine geringere kalkulatorische Entlohnung der übrigen Produktions­ faktoren (Bodenrente der Eigentumsflächen, Verzinsung des übrigen Eigenkapitals, Lohnansatz der nicht fest entlohnten Arbeitskräfte). Langfristig können zu hohe Pachtzahlungen ein Indiz für eine in ökonomischer Hin­ sicht nicht nachhaltige Wirtschaftsweise sein. Durch die erheblichen Preissteigerungen der letzten Jahre ist zudem der Zukauf von Flächen für viele Betriebe kaum noch fi­ nanzierbar. Notwendige Investitionen, beispielsweise für umweltschonende Technologien, bleiben somit oftmals aus. Ein zusätzliches bzw. daraus folgendes Problem ist, dass aufgrund der ökonomischen Zusammenhänge und der über die Jahrzehnte erfolgten Spezialisierungen viele ackerbauliche Produktionssysteme aus engen bzw. wenig vielfältigen Fruchtfolgen bestehen. Es werden lediglich Kulturen mit den besten Vermarktungschancen ange­ baut. Dazu zählen Weizen, Mais, Gerste und Raps. Zusätz­ lich sehen sich viele landwirtschaftliche Unternehmer zunehmend durch umfangreiche und als zu kompliziert empfundene rechtliche Regelungen in ihren Möglichkei­ ten eingeschränkt, wirtschaftlich zu arbeiten. Landwirtschaftliche Betriebe müssen hohe wirtschaft liche und gesellschaftliche Anforderungen erfüllen. Umwelt und Klima Auch der Ackerbau steht aufgrund seiner Umweltwir kungen, wie der Belastung von Boden, Wasser und Luft, z. B. durch Dünge­ und Pflanzenschutzmittel, in der Kritik. 11 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau Aktuell überschreiten beispielsweise rund 27 Prozent der Grundwassermessstellen, die maßgeblich von der Landwirtschaft beeinflusst werden, das Qualitätsziel der EU­Nitratrichtlinie von 50 mg/l Nitrat. Hier sind Stick­ stoffüberschüsse aus der landwirtschaftlichen Nutzung eine wesentliche Ursache. Im Hinblick auf den Rückgang der Biodiversität in der Agrarlandschaft zählt die intensive landwirtschaftliche Nutzung zu einer der Hauptursachen. Zudem ist der Ackerbau auch direkt von den Auswirkun­ gen des Klimawandels, beispielsweise durch häufigere und intensivere Dürreperioden, steigende Temperaturen und häufigere Extremwetterereignisse, direkt betroffen. Zukünftig müssen sowohl der aktive Klimaschutz als auch Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel sowie der Erhalt, die Förderung und die nachhaltige Nutzung der Biodiversität im Ackerbau einen deutlich größeren Stellenwert einnehmen. Die Wirkung der pflanzenbaulichen Produktionsver fahren im Hinblick auf Boden, Wasser, Luft und Arten vielfalt sowie die Klimaänderungen erfordert neue Herangehensweisen. Der Ackerbau ist Teil der Lösung. Gesellschaft Die gesellschaftlichen Erwartungen an die Land­ und Ernährungswirtschaft haben sich in den letzten Jahr­ zehnten verändert. Die aktuell übliche Praxis der konven­ tionellen Landwirtschaft wird von Teilen der Gesellschaft hinterfragt, insbesondere aus Gründen des Umwelt­, Klima­ und Tierschutzes. Auf der einen Seite sieht sich die Landwirtschaft (wie auch andere Wirtschaftszwei­ ge, z. B. Energie und Verkehr) vielen gesellschaftlichen Erwartungen und Forderungen gegenüber. Diese werden von den Landwirtinnen und Landwirten teilweise als übermäßige Belastung empfunden. Auf der anderen Seite fehlt oftmals noch die Bereitschaft der Verbraucherinnen und Verbraucher, beim Einkauf tatsächlich mehr Geld für nachhaltiger erzeugte Lebensmittel auszugeben. Oft fehlt es heute auch an einem direkten Bezug von Verbrau­ cherinnen und Verbrauchern zur Landwirtschaft, was zusätzlich zu Akzeptanzproblemen führt. Das gesellschaftliche Ansehen der heutigen Landwirtschaft bzw. des Ackerbaus steht infrage. Verbraucherinnen und Verbraucher wünschen sich eine Landwirtschaft, die umwelt- und klimascho nender sowie tierschutzgerechter wirtschaftet, ohne dass sich dies bisher ausreichend auf die Bereitschaft auswirkt, mehr für nachhaltig erzeugte Lebensmittel auszugeben. Strukturveränderung Ein wichtiges Augenmerk kommt der Strukturverände rung in der Landwirtschaft zu. Haupttreiber der Struk­ turveränderung sind der technische Fortschritt und der starke ökonomische Wettbewerb auf den globalen Märkten für Lebensmittel und agrarische Rohstoffe. Als Resultat bewirtschaften heute immer weniger Betriebe immer größere Flächen je Betrieb. Seit dem Jahr 2010 verringerte sich die Zahl der landwirtschaftlichen Be­ triebe um rund 12 Prozent auf etwa 263.500, wobei der Rückgang im Bereich der Tierhaltung stärker ausgeprägt war als bei den Ackerbaubetrieben. Die durchschnittliche Flächenausstattung stieg in den letzten zehn Jahren von 56 auf 63 Hektar. Hohe technische und fachliche Anfor­ derungen an eine umweltverträgliche und zunehmend digitalisierte Produktion erfordern häufig hoch speziali sierte Betriebe mit entsprechend ausgebildetem Perso­ nal. Für kleine Betriebe ist eine derartige Entwicklung, in moderne und oftmals teure Technologien zu inves­ tieren, meist erst langfristig wirtschaftlich darstellbar; die überbetriebliche Maschinennutzung kann hier an Bedeutung gewinnen. Für diese Betriebe liegt die Stärke 12 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Einleitung perspektivisch auch darin, sich auf bestimmte hochprei­ sige Marktnischen zu spezialisieren. Unabhängig von der Größe werden die Betriebe auch zukünftig ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in vielen ländlichen Regionen sein. Immer weniger Betriebe bewirtschaften immer größere Flächen je Betrieb. Die Digitalisierung kann für kleine und große Betriebe neue Perspektiven der Erleichterung, Effizienzsteigerung und Akzeptanz liefern. Immer weniger Betriebe bewirtschaften immer größere Flächen je Betrieb. Die Digitalisierung kann für kleine und große Betriebe neue Perspektiven der Erleichterung, Effizienzsteigerung und Akzep tanz liefern. Bodenpreise Der Zugang zu landwirtschaftlichen Flächen über Pacht und Flächenkauf ist von zentraler Bedeutung für die Entwicklung landwirtschaftlicher Betriebe. Die Konkurrenz um knappe Flächen ist innerhalb der Landwirtschaft groß und wird auch durch außerland wirtschaftliche Kapitalanleger – gerade in Zeiten niedriger Zinsen – verstärkt. Dazu kommen die Nach­ frage insbesondere nach landwirtschaftlichem Boden für Bebauung, Infrastruktur und Umweltmaßnahmen. Hierdurch sind die Bodenpreise in den vergangenen Jahrzehnten sprunghaft angestiegen. Die Preise für Ackerland haben sich in den ver gangenen Jahren vervielfacht. Damit steigt der allgemeine Intensivierungsdruck, um Rendite zu erwirtschaften. Die steigenden Kaufwerte für landwirtschaftliche Grund­ stücke sind Ausdruck von Knappheit. Als Konsequenz verlieren Betriebe langjährig bewirtschaftete Pachtflächen oder können angebotene Grundstücke nicht erwerben. Im Hinblick auf die landwirtschaftliche Flächennutzung erfordert dies eine optimale und immer effizientere Be­ wirtschaftung der verbleibenden Flächen. Damit geht ein Intensivierungsdruck einher. Die Zuständigkeit für die rechtlichen Rahmenbedingun­ gen liegt überwiegend bei den Ländern, die aufgefordert sind, diese zu verbessern und die Landwirtschaft zu schützen. Darüber hinaus sind hier auch die Möglichkei­ ten auf Bundesebene zu nutzen, um landwirtschaftliche Flächen zu schonen. Zielkonflikte Zusätzlich zu der Vielzahl an Herausforderungen beste­ hen in vielen Bereichen Zielkonflikte. So konkurriert beispielsweise der Anbau von nachwachsenden Rohstof­ fen mit der Produktion von Nahrungs­ und Futtermit­ teln auf denselben Flächen. Zudem ist eine ausgeprägte Artenvielfalt auf dem Feld nur schwer mit einer ertrag­ Quelle: Statistisches Bundesamt (2020) ENTWICKLUNG DER BETRIEBSSTRUKTUR LANDWIRTSCHAFTLICHER BETRIEBE (> 5 HA) 1995 1999 2003 2007 2010 2013 2016 2020 0 100 200 300 400 70 52,5 35 17,5 0 A nz ah l B et ri eb e (x 1 .0 00 ) Fl äc he je B et ri eb in h a Anzahl Betriebe Durchschnittliche Betriebsgröße 13 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau reichen und qualitativ hochwertigen Pflanzenerzeugung auf derselben Fläche vereinbar. Es kann zudem zukünftig vermehrt auch zu Zielkonflikten zwischen Wasserwirt­ schaft und Landwirtschaft kommen. In einer Markt wirtschaft sind Preise ein wichtiges Instrument, um die verschiedenen Nutzungsansprüche miteinander in Ausgleich zu bringen. Im Rahmen dieser Strategie wer­ den Zielkonflikte identifiziert und Lösungsmöglichkeiten vorgeschlagen. Dabei liegt der Fokus auf der konventio­ nellen Landwirtschaft. Für ökologisch bewirtschaftete Flächen enthält die Zukunftsstrategie ökologischer Land­ bau die erforderlichen Ziele und Maßnahmen. Aber auch der ökologische Landbau, der eine wichtige Rolle für die nachhaltige Entwicklung des Ackerbaus spielt, kann von einer Vielzahl der hier genannten Lösungsmöglichkeiten profitieren. Quelle: Statistisches Bundesamt (2019) DURCHSCHNITTLICHER KAUFWERT JE HEKTAR VERÄUSSERTER FLÄCHE DER LANDWIRTSCHAFTLICHEN NUTZUNG 2 0 003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 Jahr 5.000 10.000 15.000 20.000 25.000 30.000 35.000 40.000 EUR Deutschland Früheres Bundesgebiet Neue Länder 2 Leitlinien 15 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau Es gilt, das Leitbild des produktiven und nachhaltigen Ackerbaus in Deutschland weiterzuentwickeln zu einem Ackerbau, der angepasst an die vielfältigen Anforde­ rungen der Gesellschaft und der Landwirtschaft eine Zukunftsperspektive bietet. Folgende sechs Leitlinien stellen die Rahmenbedingun­ gen für einen nachhaltigen, d. h. ökonomisch tragfähigen, ökologisch vertretbaren und gesellschaftlich akzeptier­ ten Ackerbau dar: Versorgung Die Ernährungssicherung mit qualitativ hochwerti­ gen Erzeugnissen ist nach wie vor das oberste Ziel des Ackerbaus – auch im globalen Kontext. Zudem muss die Futtermittelversorgung sichergestellt sein, denn sie ist durch die Tierproduktion integraler Bestandteil der Nahrungssicherung. In zunehmendem Maße werden Rohstoffe für Energie und Industrie erzeugt, dies ist im Sinne der Entwicklung hin zu einer stärkeren Nutzung biogener Rohstoffe eine wichtige Zukunftsaufgabe. Einkommenssicherung Der Ackerbau muss auch unter geänderten Rahmen­ bedingungen international wettbewerbsfähig sein und zur Einkommenssicherung der Landwirtinnen und Landwirte beitragen. Veränderungen im Ackerbau – beispielsweise vielfältigere Fruchtfolgen und Anpassun­ gen im Pflanzenschutz – sind meist mit zusätzlichen Kosten für den Produzenten verbunden. Änderungen im Anbauverhältnis können auch Einfluss auf die Preise landwirtschaftlicher Erzeugnisse nehmen. Diese sind im Rahmen der Strategie zu ermitteln, Risiken und Chancen für die Unternehmen sind so weit als möglich darzulegen. Umwelt- und Ressourcenschutz Der Ackerbau ist zukünftig noch stärker als bisher auf Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit auszurichten. Dies beinhaltet den Schutz der natürlichen Ressourcen Boden, Wasser und Luft, die Verringerung negativer Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima sowie die Stärkung positiver Umweltauswirkungen. Biodiversität Die Biodiversität der Agrarlandschaft ist zukünftig stärker zu berücksichtigen. Die Förderung der Biodiver­ sität stützt den integrierten Anbau. Sie führt zu höhe­ rer Bodenfruchtbarkeit, Bestäuberleistung und mehr Nützlingen. Durch Erhalt und Förderung von geeigneten Lebensräumen muss einem Rückgang der Artenvielfalt der Agrarlandschaft entgegengewirkt werden. Pflanzen­ genetische Ressourcen als Teil der Biodiversität bilden eine wesentliche Grundlage für die Pflanzenzüchtung und damit für züchterische Verbesserung unserer Nutz­ pflanzen im Hinblick auf die Klimaanpassung. Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel Der Klimaschutz muss auch in der Landwirtschaft einen höheren Stellenwert einnehmen. So müssen im Ackerbau vermehrt Emissionen von klimawirksamen Gasen redu­ ziert werden. Der Ackerbau kann über die Speicherung von Kohlenstoff durch Humusaufbau Kohlendioxid bin­ den. Zudem ist der Ackerbau direkt von den Auswirkun­ gen des Klimawandels betroffen. Daher sind neue Heran­ gehensweisen für einen klimaangepassten Ackerbau notwendig. Letztlich muss die Versorgung auch unter veränderten Klimabedingungen gewährleistet sein. Gesellschaftliche Akzeptanz Um den konventionellen Ackerbau wieder in der Mitte der Gesellschaft zu verankern, muss die Akzeptanz des konventionellen Ackerbaus in der Bevölkerung deutlich verbessert werden. Dazu muss sich einerseits die acker­ bauliche Praxis in Teilen weiterentwickeln. Andererseits muss der Bevölkerung ein realistisches Bild der acker­ baulichen Herausforderungen und Möglichkeiten mit Blick auf deren Erwartungen vermittelt werden. Abläufe in modernen, nachhaltig wirtschaftenden Betrieben müssen plausibel und transparent dargeboten werden. Nur so kann das Vertrauen in die heimischen Produk­ tionsverfahren gestärkt werden. Zur Umsetzung ist es wichtig, nachhaltige Anbauverfahren in der Praxis zu fördern und darüber Informationen sowohl für Men­ schen aus Landwirtschaft und Produktion als auch für die Verbraucherschaft kontinuierlich zu verbreiten. 16 17 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen PflanzenbauACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Leitlinien VERSORGUNG mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln, Futtermitteln und biobasierten Rohstoffen gewährleisten NATÜRLICHE RESSOURCEN (Boden, Wasser, Luft) schützen EINKOMMEN der Landwirtinnen und Landwirte sichern KLIMASCHUTZ UND KLIMAANPASSUNG als Beitrag des Ackerbaus ausbauen GESELLSCHAFTLICHE AKZEPTANZ für den Ackerbau weiterentwickeln Die Leitlinien der Ackerbaustrategie 2035 BIODIVERSITÄT in der Agrarlandschaft erhalten und fördern 3 Handlungsfelder 19 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau Nachfolgende Handlungsfelder greifen ineinander, wie beispielsweise Boden, Düngung und Klimaschutz, Kulturpflanzenvielfalt und Biodiversität. Einzelne Ziele und Maßnahmen sind jeweils einem Handlungsfeld zu­ geordnet, wirken sich aber naturgemäß auch auf andere Handlungsfelder bzw. das gesamte System aus. Die im Folgenden vorgeschlagenen Indikatoren stellen Emp­ fehlungen dar, deren Umsetzbarkeit gesondert zu prüfen wäre (siehe Schaubild auf Seite 48). Fachliche und produktionsbezogene Handlungsfelder 3.1 Boden Ausgangslage Unser Boden ist die Produktionsgrundlage für die Land­ wirtschaft und Standort für die Erzeugung gesunder Nahrungsmittel. Über 90 Prozent der weltweiten Nah­ rungsmittelproduktion hängen unmittelbar vom Boden ab, das zeigt seine große Bedeutung für die Ernährungs­ sicherung. Mitteleuropa ist ein Gunststandort, unsere Böden, insbesondere in Deutschland, sind teilweise sehr fruchtbar. Darüber hinaus sind die hier vorherrschenden Klimaverhältnisse besonders geeignet, um qualitativ und mengenmäßig hohe und sichere Erträge zu er­ möglichen. Gleichzeitig sind unsere Böden mit 2,5 Mrd. Tonnen organischem Kohlenstoff der größte terrestri­ sche Kohlenstoffspeicher in Deutschland und erbringen eine Vielzahl an weiteren Ökosystemleistungen. Bei den Böden gesondert zu betrachten sind die organischen Böden, insbesondere die bewirtschafteten Moorböden. Dies erfolgt im Handlungsfeld Klimaschutz. Problemstellung Boden ist eine nicht erneuerbare Ressource, die immer knapper wird. Die Böden in Deutschland sind vermehrt durch Wind­ und Wassererosion bedroht. Dies ist zu­ rückzuführen auf immer größere Flächenstrukturen, unzureichenden Erosionsschutz und zunehmende Ex tremwetterereignisse wie anhaltende Trockenperioden oder Starkregenfälle. Zudem können nachteilige oder schädliche Bodenverdichtungen durch nicht angepass­ te Bewirtschaftung und unerwünschte Einträge von Stoffen wie Pflanzenschutzmitteln, Schwermetallen oder Kunststoffpartikeln die Bodenfunktion beeinträchtigen und die Fruchtbarkeit und Produktivität der Böden sowie die Sicherheit und Qualität der Ernteprodukte vermindern. Die Konkurrenz um Agrarflächen ist er­ heblich, und die Preise für Ackerland sind in den ver­ gangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Hierbei spielt insbesondere der Verlust von Agrarflächen durch andere Nutzungen (Siedlungen, Verkehr etc.) und die daraus re­ sultierende erhöhte Nachfrage eine entscheidende Rolle. Zielkonflikte Eine konservierende Bodenbearbeitung geht mit einer Vielzahl von positiven Wirkungen wie z. B. einer Erhö hung des Humusgehaltes in der Oberkrume, einem ver­ stärkten Erosionsschutz in besonders gefährdeten Lagen oder einer schnelleren Aufnahme von Wasser („Infiltra­ tionskapazität“) einher. Eine wirksame Unkrautbekämp­ fung ist hier zurzeit häufig nur durch den Einsatz von Breitbandherbiziden möglich. Landwirtschaftliche Maschinen sind aus wirtschaftlichen Gründen in der Vergangenheit größer und schwerer geworden. Bei ungünstigen Bedingungen kann dies Bodenschadverdichtungen verursachen, die zu einer Verschlechterung der Bodenfunktionen führen. Ziele Bodenschutz weiter stärken und Bodenfrucht barkeit erhöhen 1. Die Bodenfruchtbarkeit einschließlich des Humus­ gehaltes sowie die funktionelle und strukturelle Bodenbiodiversität müssen weiter gestärkt und, wo möglich, verbessert werden, dabei ist auch die Düngewirkung vermehrt zugeführter organischer Substanz in den Boden zu beachten. HUMUSAUFBAU Mit Humus wird die Gesamtheit der abgestorbenen organischen Substanz im Boden bezeichnet. Humus spielt eine wichtige Rolle für eine Vielzahl der Boden funktionen und ist damit ein entscheidender Faktor für die Bodenfruchtbarkeit sowie für die Speiche rung von Kohlenstoff im Boden. Zum Humusaufbau tragen beispielsweise eine ausgewogene und vielfäl tige Fruchtfolge, der Anbau von Zwischenfrüchten, die Zufuhr von Ernterückständen und die organische Düngung bei. Wichtig sind auch ein aktives Boden leben und ein optimaler pH-Wert des Bodens. 20 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder 2. Um die Produktions- und Lebensraumfunktion des Bodens zu erhalten, müssen schädliche Einflüsse auf den Boden durch Erosion (Verlust an fruchtbarem Boden), Bodenschadverdichtung, Bodenversauerung und unerwünschte Einträge von Schadstoffen ver­ ringert werden. 3. Ein standortgerechter Humusgehalt ist durch Zufuhr und Einarbeitung von organischen Düngern und Ernterückständen sowie den Anbau von Zwischen­ früchten zu erhalten und ggf. zu erhöhen. Bis 2030 ist ein standortgerechter Humusgehalt aller Ackerböden anzustreben. 4. Die landwirtschaftlichen Flächenverluste in Deutschland durch Nutzungsänderungen zugunsten von z. B. Siedlung, Verkehr, Infrastruktur oder Natur­ schutz müssen reduziert werden. Der Vorrang der Ernährungssicherung muss ge­ wahrt sowie wertvolle Naturräume bei ressour­ censchonender Nutzung erhalten werden. Bis zum Jahr 2030 soll sich die Flächeninanspruchnahme auf unter 30 Hektar pro Tag verringern und bis 2050 das Ziel Netto­Null (Flächenkreislaufwirtschaft) erreicht werden. 5. Boden ist eine Ressource und stellt damit ein gesell­ schaftliches wie auch privates Vermögen dar. Spekula­ tiven Entwicklungen und Tendenzen auf dem Boden markt ist mit rechtlich­regulatorischen Instrumenten zu begegnen. Ziele auf dem Bodenmarkt sind die Förderung einer breiten Streuung des Bodeneigen­ tums und der wirksame Vorrang von Landwirtinnen und Landwirten beim Flächenerwerb. Vorschläge für Indikatoren 1. Ergebnisse der Bodenzustandserhebung Landwirtschaft (Humusvorrat und weitere Parameter landwirtschaftlicher Böden) 2. Ergebnisse der Bodendauerbeobachtung 3. Bundesweites Erosionskataster (Erosionsereignisse) 4. Entwicklung landwirtschaftlicher Flächenverluste 5. Bodenschutzindikator (Veränderung der Bodenqualität) Maßnahmen 1. Standortspezifische Handlungsempfehlungen zur Erhaltung und ggf. Steigerung der Bodenfruchtbar­ keit entwickeln, insbesondere zum Humuserhalt und ­aufbau. 2. Neue alternative ackerbauliche Produktionsverfah­ ren im Rahmen des Integrierten Pflanzenbaus erpro­ ben und umsetzen mit folgenden Schwerpunkten: → Bodenbearbeitung → Erweiterte Fruchtfolgen → Optimierte Düngung → Reduzierter chemischer Pflanzenschutz → Vermehrter mechanischer und biologischer Pflanzenschutz → Notwendiger Strukturanteil für Nützlinge 3. Verfahren zur Mulch-/Direktsaat unter veränderter Pflanzenschutzsituation 4. Besonders nachhaltige und den Boden schützende Verfahren im Ackerbau im Rahmen der GAP und der GAK weiterhin fördern und fortentwickeln. 5. Ganzjährige Bodenbedeckung fördern, z. B. durch → Mehrjährige Kulturen → Zwischenfruchtanbau → Untersaaten → Einarbeitung von Ernte­ und Zwischen­ fruchtrückständen 6. Schutzmechanismen vor Bodenverdichtung durch Fahrzeugparameter fördern, die an die standörtliche und saisonale Belastbarkeit des Bodens angepasst sind, z. B. Reifendruckverstelltechnik. 7. Flurbereinigungsverfahren stärker auf Bodenschutz und Erosionsminderung ausrichten. 8. Landwirtschaftliche Flächenverluste reduzieren, insbesondere durch → Quantifizierte Vorgaben zur Flächeninanspruch­ nahme → Verschärfung der Schutzvorschriften zum Erhalt landwirtschaftlicher Flächen → Obligatorische verfahrensmäßige Integration des Schutzes von Agrarflächen → Lenkung naturschutzrechtlicher Kompensation → Lenkung des Ausbaus erneuerbarer Energien → Strikter Vorrang der städtebaulichen Innenent wicklung → strikter Bedarfsnachweis bei der Baulandent­ wicklung → Keine weitere Verlängerung von § 13b des Bau gesetzbuches 9. Bodenrecht novellieren zur breiten Streuung des Bodeneigentums, des Vorrangs von Landwirtinnen und Landwirten beim Flächenerwerb, um Boden­ erwerb durch außerlandwirtschaftliche Investoren zu minimieren. Wirtschaftlichkeitsbewertung Maßnahmen für einen verbesserten Bodenschutz und Humusaufbau zeigen erst mittel- bis langfristig Wir kung und sind für die landwirtschaftlichen Betriebe zunächst mit zusätzlichen Aufwendungen verbunden. Diese sollten insbesondere in den ersten Jahren der Umstellung aufgefangen werden. Langfristig dürften sich die Investitionen aufgrund einer höheren Boden fruchtbarkeit sowie einer geringeren Erosionsanfällig­ keit amortisieren. 21 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau LEUCHTTURMPROJEKT BODENZUSTANDSERHEBUNG (BMEL gefördert und 2018 veröffentlicht): Das Thünen-Institut für Agrarklimaschutz führt die Bodenzustandserhebung Landwirtschaft (BZE-LW) durch und hat den ersten Bodenzustandsbericht im Dezember 2018 vorgelegt. Hiermit wurde der Grundstein für eine repräsentative und systema tische Erfassung und Bewertung der Gehalte und Vorräte an organischem Kohlenstoff in landwirt schaftlich genutzten Böden in Deutschland gelegt. Im Zuge der BZE-LW wurden insgesamt 3104 Flächen unter Acker-, Grünland- und Sonderkultur nutzung bis in 1 m Tiefe beprobt. Die wichtigste Un tersuchungsgröße war der Vorrat an organischem Kohlenstoff im Boden. Dieser ist nicht nur der we sentliche Bestandteil des Bodenfruchtbarkeitsindi kators Humus, sondern spielt auch im Klimaschutz eine wichtige Rolle als Kohlenstoffspeicher. Die zweite BZE-LW, die derzeit vorbereitet wird und 2025 erste Zahlen liefern soll, wird die Bepro bungspunkte erneut beproben, um Veränderungen und mögliche Einflussfaktoren auf den Vorrat an organischem Kohlenstoff festzustellen. So können Wissenschaft, Landwirtschaft und Politik Verän derungen erkennen und das Bodenmanagement entsprechend optimieren. Darüber hinaus liefern die Daten eine wichtige Basis für die nationale Bericht erstattung zu Treibhausgasemissionen in Deutsch land (Klimaberichterstattung). Der Vorrat an organischem Kohlenstoff in den oberen 30 cm landwirtschaftlicher Böden ist in Deutschland sehr variabel (Daten der Bodenzustandserhebung Landwirtschaft, Stand Juli 2019). t ha-1 1 < 30 1 30–50 1 50–70 1 70–90 1 > 90 1 Acker p Dauergrünland i Sonderkultur 100 km 22 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder 3.2 Kulturpflanzenvielfalt und Fruchtfolge Ausgangslage Obwohl es in Deutschland eine große Vielzahl von Kulturarten im Anbau gibt, wurde in den vergangenen Jahrzehnten das Anbauspektrum in den Fruchtfolgen insbesondere aufgrund ökonomischer Rahmenbedin­ gungen, der Verfügbarkeit effektiver Pflanzenschutz­ verfahren und des erfolgreichen Züchtungsfortschritts einzelner nachfragestarker Pflanzenarten stark einge­ schränkt. Die flächenmäßig bedeutendsten Kulturen Winterweizen, Wintergerste, Winterraps und Silomais beanspruchten im Jahr 2015 rund 66 Prozent der Acker­ fläche (zum Vergleich: 51 Prozent im Jahr 1991). In den letzten Jahren gab es eine leichte Trendwende, nicht zu­ letzt aufgrund der Greening­Regeln und der Förderung des Eiweißpflanzenanbaus. Der Anteil der vier Hauptkul­ turen ging zurück auf knapp 63 Prozent im Jahr 2020. Problemstellung Die Einengung der Arten in den Fruchtfolgen führt zunehmend zu Problemen in der Praxis. So haben sich in der Folge beispielsweise bestimmte Unkräuter und Schadorganismen verstärkt ausgebreitet und müssen nun intensiver bekämpft werden. Zudem fördert die Verengung des Anbauspektrums in der Fruchtfolge die Entstehung und Verbreitung von Resistenzen gegen über Pflanzenschutzmittelwirkstoffen. Ein Beispiel ist das vermehrte Auftreten von Ackerfuchsschwanz, der gegen Herbizidwirkstoffe resistent geworden ist. Der Effekt ist umso stärker, je weniger Pflanzenschutzmittel mit unterschiedlichem Wirkmechanismus zur Verfü­ gung stehen. Dieses Problem hat in den vergangenen Jahren zuge­ nommen, da die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln aufgrund strenger Anforderungen an die Unbedenk­ lichkeit für Gesundheit von Menschen und Tieren sowie für den Naturhaushalt schwieriger geworden ist. Umso wichtiger ist die Orientierung an wissenschaftlichen ANBAUFLÄCHEN DER FLÄCHENMÄSSIG WICHTIGSTEN KULTURARTEN IM DURCHSCHNITT DER JAHRE 2014 BIS 2020 (IN 1.000 HA) * ohne Dauergrünland und Sonderkulturen Quelle: Statistisches Bundesamt (2020) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 0 500 1.000 1.500 2.000 2.500 3.000 3.500 3.048 2.164 1.264 1.190 593 433 377380 366 253 178 939 1 Winterweizen (einschl. Dinkel und Einkorn) 2 Silomais 3 Wintergerste 4 Winterraps 5 Roggen 6 Körnermais 7 Triticale 8 Zuckerrüben 9 Sommergerste 10 Kartoffeln 11 Hülsenfrüchte zur Körnergewinnung 12 Sonstige Kulturen* 23 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau Erkenntnissen über die Wirkungen der Pflanzenschutz­ mittel. Bei Kulturarten mit einem geringen Anbauum­ fang stehen meist nur wenige Pflanzenschutzmittel zur Verfügung, sodass bei einer Ausdehnung des Anbaus die Anfälligkeit gegenüber Schadorganismen zunehmen kann, zumal die Resistenzzüchtung bei diesen Kulturar­ ten noch nicht so weit fortgeschritten ist. Auch sogenannte Quarantäneschadorganismen der Pflanzen, die in der Regel nur schwer bekämpfbar sind, können in engen Fruchtfolgen verstärkt auftreten. Quarantäneschadorganismen sind z. B. Insekten, Milben, Nematoden, Bakterien, Viren oder Pilze, die in einem Gebiet, in dem sie bislang noch nicht aufgetreten waren, stark schädlich sein können. Ein Beispiel sind der Kartof­ felkrebs oder Kartoffelzystennematoden, die in engen Fruchtfolgen neue Virulenzeigenschaften entwickeln und Kartoffelerträge mindern. Gegen beide gibt es keine chemischen Bekämpfungsmittel. Die Einengung des Anbauspektrums ist auch vor dem Hintergrund des Klimawandels kritisch zu sehen. Durch die Fokussierung auf wenige Kulturen in den Fruchtfol­ gen ist das Risiko von Ertragsausfällen deutlich höher als bei einem diverseren Anbauspektrum. Zielkonflikte Fehlende Absatz- und Vermarktungsmöglichkeiten und der hohe Kapitalbedarf für Investitionen in Aussaat­ und Erntetechnik für alternative Kulturen hemmen die Erweiterung des Pflanzenspektrums in der Fruchtfolge. Die Nichtverfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln kann zu einer Verengung von Fruchtfolgen beitragen. Ziele Kulturpflanzenvielfalt erhöhen und Fruchtfolgen erweitern 1. Fruchtfolgen müssen mit einem ausgewogenen Anteil an Blatt- und Halmfrüchten, Winterungen und Sommerungen, Feldgemüse sowie mehr Zwi schenfrüchten und Untersaaten unter Beachtung von Anbaupausen erweitert werden, um die Stabilität der Anbausysteme zu stärken, die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten und resiliente Pflanzenbestände zu erreichen. Vielfältige Fruchtfolgen bieten auch Lösungsan­ sätze für viele umwelt­ und klimapolitische sowie produktionstechnische Herausforderungen. Erwei­ terte Fruchtfolgen tragen dazu bei, die Biodiversität in der Agrarlandschaft zu erhalten und zu fördern. Eine betriebs­ und standortgerechte Umstellung von Fruchtfolgen kann daher sowohl zu pflanzenbauli­ chen, ökonomischen als auch ökologischen Vorteilen führen. Voraussetzung dafür ist, dass die angebauten Kulturarten nachgefragt werden und damit wirt schaftlich sind bzw. werden. 2. Um das Kulturartenspektrum in der Fläche aus­ zudehnen, sind pflanzenbaulich und ökonomisch geeignete Kulturarten zu identifizieren und in be­ stehende Fruchtfolgen zu integrieren. Ziel ist es, bis 2030 das Anbauspektrum in den Fruchtfolgen auf mindestens fünf verschiedene Kulturarten je Acker baubetrieb zu erhöhen, auch unter Einbeziehung von Zwischenfrüchten und Untersaaten. 3. Bis 2030 sollen auf 10 Prozent der Ackerfläche Legu­ minosen (Hülsenfrüchte zur Körnernutzung und Leguminosen(­gemische) zur Grünernte) angebaut werden. 4. Rohstoffpflanzen für die stoffliche und energetische Nutzung wie etwa die Durchwachsene Silphie als Alternative zum Mais können zur Erweiterung des Anbauspektrums beitragen. Eine schrittweise Erwei­ terung des Pflanzenartenspektrums durch Einfüh­ rung von neuen, mehrjährigen Kulturen, die sich v. a. durch hohe Erträge bei vergleichsweise geringem Ressourceneinsatz auszeichnen (sogenannte „low­ input Pflanzen“), ist geboten. 5. Es sollen insbesondere für Kulturarten, die bisher nur in geringem Umfang angebaut werden, Absatz­ märkte mit stabiler Nachfrage erschlossen werden. Nur dann lassen sich diese Kulturarten mit bisher wirtschaftlich geringer Bedeutung im Anbau stärker etablieren. Dazu sind diese Kulturarten züchterisch weiter zu verbessern, insbesondere hinsichtlich der Resistenz- und Toleranzeigenschaften, und geeig­ nete Anbauverfahren zu entwickeln. Dies ist zuvor­ derst Aufgabe der Wirtschaftsbeteiligten – der Staat kann Hilfestellungen bei der Erschließung neuer Märkte geben und seine öffentliche Forschungsför­ derung (u. a. Züchtungsforschung) in diesem Bereich verstärken. Dies erfolgt z. B. bereits im Rahmen der Eiweißpflanzenstrategie durch Förderung von Ver­ bundvorhaben zu Lupinen, Ackerbohnen, Erbsen, Sojabohnen und künftig auch kulturartenüber­ greifend. Vorschläge für Indikatoren 1. Anbauflächen von Kulturarten 2. Anbauumfang von Leguminosen 3. Entwicklung des Anbauspektrums in einzelnen Betrieben 4. Inanspruchnahme von Förderungen zu „vielfältigen Kulturen“ im Rahmen der GAP und der GAK 24 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder Maßnahmen 1. Anbauversuche im Hinblick auf die Erweiterung des Kulturartenspektrums in Fruchtfolgen fördern. 2. Entscheidungshilfen für Landwirtinnen und Land­ wirte zum standortgerechten Anbau von Kultur­ pflanzen entwickeln. 3. Modell­ und Demonstrationsvorhaben zu regionalen Bioökonomiekonzepten fördern. 4. Modell­ und Demonstrationsvorhaben Integrierter Pflanzenbau („IPB“) etablieren, aufbauend auf dem Modell­ und Demonstrationsvorhaben Integrierter Pflanzenschutz. 5. Absatzmärkte für bisher wirtschaftlich unbedeu tende Kulturpflanzen im Rahmen von Projekten und unter Einbindung der gesamten Wertschöp­ fungskette – von der Züchtung über die Produktion bis zum Handel und zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern – erschließen. 6. Spektrum an nachwachsenden Rohstoffen für die stoffliche und energetische Nutzung erweitern als Alternative zu Mais und Raps. Förderung z. B. auch als Agrarumwelt­ und Klimamaßnahme. 7. „Vielfältige Kulturen im Ackerbau“ auch zukünftig im Rahmen der GAP und der GAK fördern. Wirtschaftlichkeitsbewertung Für eine dauerhaft höhere Artenvielfalt in den Fruchtfol­ gen müssen Absatzmärkte für bislang wenig genutzte/ angebaute und neue Kulturen durch die Erzeuger im Zusammenspiel mit der Lebensmittel­ und Futtermittel­ wirtschaft, den Warenhändlerinnen und Warenhändlern und der Politik besser erschlossen werden. Auch hier ist es notwendig, insbesondere die Umstellung der Betrie­ be umfangreich zu unterstützen. Sind entsprechende Absatzmärkte und Vermarktungsmöglichkeiten gege­ ben, kann ein höheres Kulturartenspektrum auch ohne weitere Fördergelder schrittweise möglich werden. FRUCHTFOLGE Unter Fruchtfolge versteht man die zeitliche Auf einanderfolge verschiedener Kulturpflanzenarten (auf einem Feld). Sie wirkt sich auch auf das Anbau spektrum/Kulturartenverhältnis des Betriebes aus. Sojapflanze mit Hülsen 25 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau LEUCHTTURMPROJEKT „MODELLHAFTES DEMONSTRATIONS­ NETZWERK ZUR AUSWEITUNG UND VERBESSERUNG DES ANBAUS UND DER VERWERTUNG VON SOJABOHNEN IN DEUTSCHLAND“ (BMEL gefördert 2013 bis 2018): Ziel des Vorhabens war es, den Anbau und die Verar beitung von Sojabohnen in Deutschland auszuweiten und zu verbessern. Hierfür wurde ein bundesweites Netzwerk mit rund 120 ökologisch und konventionell wirtschaftenden Demonstrationsbetrieben aufgebaut, auf denen aktuelle Erkenntnisse aus der Forschung in die Praxis umgesetzt und Demonstrationsanlagen zu verschiedenen produktionstechnischen Fragestellungen angelegt wurden. Die auf den Betrieben erhobenen Daten wurden ökonomisch ausgewertet. Ein zentraler Punkt des Netzwerks war der Wissens­ transfer zwischen Forschung, Beratung und Praxis. Daher wurden über die gesamte Projektlaufzeit Maßnahmen wie Feldtage, Seminare oder Vortragsver anstaltungen zum Anbau und zur Verwertung von Soja durchgeführt, die sich an landwirtschaftliche Betrie be, Beratungsstellen sowie Unternehmen richteten. Darüber hinaus stellt auch die Projektwebsite (www. sojafoerderring.de) ein wichtiges Element des Wissens transfers dar. Im Dezember 2018 endete das Soja-Netzwerk. Nach der fünfjährigen Laufzeit konnte eine positive Bilanz gezogen werden. So hat die Arbeit des Netzwerks wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Sojaanbau fläche von 2013 bis 2018 mehr als verdreifacht hat und die Anzahl an Aufbereitungsanlagen deutlich erhöht wurde. Des Weiteren wurden drei modellhafte Wert schöpfungsketten für den Bereich Lebens- und Futter mittel aufgebaut sowie Unterrichtsmaterialien für allgemeinbildende, Berufs- und Fachschulen entwickelt. Das Vorhaben wurde im Rahmen der BMEL-Eiweiß pflanzenstrategie gefördert und von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) mit Projektpart nern aus elf Bundesländern koordiniert. ENTWICKLUNG DER ANBAUFLÄCHE VON SOJABOHNEN IN DEUTSCHLAND VON 2014 – 2020 Quelle: Statistisches Bundesamt (ab 2016), davor Deutscher Sojaförderring So ja an ba ufl äc he in 1 .0 00 h a 2014 5 15 10 20 25 35 30 2015 2016 2017 2018 2019 2020 https://www.sojafoerderring.de/ https://www.sojafoerderring.de/ 26 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder 3.3 Düngung Ausgangslage Eine bedarfsgerechte und präzise Düngung ist eine wichtige Voraussetzung, um das Ertragspotenzial der Kulturen auszuschöpfen, die Bodenfruchtbarkeit zu er­ halten, treibhausgasrelevante Emissionen zu vermeiden und die für den Markt erforderlichen Produktqualitäten zu erzeugen. Für eine effiziente Düngung ist es entschei­ dend, dass die Nährstoffe in einem ausgewogenen und einem an den Nährstoffbedarf der Kulturen angepass ten Verhältnis zueinander vorliegen. Mit Mineraldün­ gern ist dies vergleichsweise einfach zu realisieren, über Wirtschaftsdünger und andere organische Düngemittel jedoch deutlich anspruchsvoller, da diese stark in ihrer Nährstoffzusammensetzung und deren Verfügbarkeit variieren. Eine ausreichende organische Düngung ist je­ doch für die Humusreproduktion von großer Bedeutung. Hohe Nährstoffüberschüsse in bestimmten Regionen belasten die Umwelt. Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes 2018 wegen unzureichender Umsetzung der EU­Nitratrichtlinie hat die Bundesregierung die Düngeverordnung angepasst. Sie ist im Mai 2020 in Kraft getreten. Damit werden weitere Maßnahmen – insbe­ sondere in den belasteten Gebieten – eingeführt, die das Ziel haben, die Nitrateinträge aus der Landwirtschaft in die Umwelt zu verringern. Problemstellung Derzeit überschreiten rund 27 Prozent der von den Ländern gemeldeten Grundwassermessstellen mit maß­ geblicher Beeinflussung durch die Landwirtschaft das Qualitätsziel der EU­Nitratrichtlinie von 50 mg Nitrat pro Liter. Hierzu tragen die landwirtschaftliche Bewirt­ schaftung durch eine nicht bedarfsgerechte Düngung, u. a. infolge regional hoher Tierbesatzdichten mit hohem Anfall an Wirtschaftsdüngern, die regionale Konzen­ tration von Biogasanlagen und Gebiete mit hohem Anteil an Gemüsebau bei. Darüber hinaus gibt es auch außerlandwirtschaftliche Ursachen, wie beispielsweise geringe Grundwasserneubildungsraten in Trockengebie­ ten. Die teilweise aus der Landwirtschaft stammenden Phosphoreinträge in Oberflächengewässer tragen zur Eutrophierung bei und sind mit dafür verantwortlich, dass die gewässertypischen Orientierungswerte des guten ökologischen Zustands für Phosphor in Fließ­ gewässern der Oberflächengewässerverordnung im Jahr 2018 nur an 44 Prozent der Messstellen an Flüssen eingehalten wurden. Der regional konzentrierte hohe Anfall organischer Düngemittel, der im Wesentlichen eine Folge betrieb licher und räumlicher Spezialisierung der Tierhaltung ist, stellt mit seinen Nährstoffüberhän­ gen ein besonderes Problem dar. Der Transport von flüssigen Wirtschaftsdüngern ist aufgrund geringer Nährstoffkonzentrationen über größere Entfernungen kaum wirtschaftlich, was zu übermäßiger Ausbringung in unmittelbarer Nähe der Erzeugung führen kann. In Regionen mit hohen Tierbesatzdichten und hohen Gemüsebauanteilen stellen sich daher hohe Ansprüche an ein pflanzenbedarfsgerechtes Nährstoffmanagement in den Betrieben. Zielkonflikte Eine bedarfsgerechte Versorgung der Pflanzen mit Nährstoffen kann einer wirksamen Reduktion von Nährstoffausträgen in Boden, Wasser und Luft entge­ genstehen. Ziele Düngeeffizienz erhöhen und Nährstoffüber schüsse verringern 1. Ziel ist es, Kulturpflanzen bedarfsgerecht mit Nähr­ stoffen zu versorgen sowie die Nährstoffeffizienz zu verbessern. Dabei sind Nährstoffüberschüsse und da­ mit verbundene Austräge in nicht landwirtschaftlich genutzte Ökosysteme, Gewässer und Luft zu reduzie­ ren. Nitratbelastungen im Grundwasser müssen ent­ sprechend der Nitratrichtlinie auf unter 50 mg Nitrat pro Liter reduziert werden und die Phosphorgehalte in Oberflächengewässer auf die Orientierungswerte des guten ökologischen Zustands reduziert werden. 2. Insbesondere ist eine Steigerung der N-Effizienz organischer Düngemittel erforderlich. Dazu ist auch die Entwicklung bzw. Verbesserung innovativer und emissionsarmer Anwendungs­ und Aufbringungs technologie erforderlich. Auch die verstärkte Ver­ bringung von organischen Düngemitteln aus Regio­ nen mit Nährstoffüberschüssen in Ackerbauregionen kann bei entsprechender Transportwürdigkeit hierzu beitragen. 3. Darüber hinaus sind die Emissionen von Ammoniak in die Luft, u. a. mit den Folgen von Feinstaubbildung oder ungewollten Nährstoffeinträgen in den Boden, zu reduzieren. Rund 95 Prozent der Ammoniak­ emissionen stammen aus der Landwirtschaft, haupt­ sächlich aus der Tierhaltung. Allerdings haben auch die stickstoffhaltigen Mineraldüngemittel, und hier insbesondere die Harnstoffdüngemittel, ihren Anteil. 4. Zur Sicherung der Bodenfruchtbarkeit, insbesondere auch zur Erhaltung der Bodenstruktur, ist die Erhal­ tung optimaler pH­Werte im Boden erforderlich. Die Einträge von Schadstoffen sind zu minimieren. 27 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau Vorschläge für Indikatoren 1. Stickstoffüberschuss der Landwirtschaft (Flächenbilanz) 2. Stoffstrombilanzierung 3. Nitratgehalt im Grundwasser 4. Phosphorgehalte in Fließgewässern 5. Minderung der Ammoniakemissionen 6. Entwicklung des Mineraldüngerabsatzes Maßnahmen 1. Landwirtinnen und Landwirte bei Investitionen im Zusammenhang mit Transformationsprozessen infolge der Düngeverordnung unterstützen (Investi­ tions­ und Zukunftsprogramm Landwirtschaft): Der Förderschwerpunkt ist auf Investitionen in moderne Maschinen und Geräte zur exakten Ausbringung von Wirtschafts­ und Mineraldünger gelegt, des Weiteren werden bauliche Anlagen zur Erweiterung der Lager­ kapazität von Wirtschaftsdünger und Kleinanlagen zur Gülleseparierung gefördert. 2. Vorhaben fördern, die zur Steigerung der Nährstoff­ effizienz, Emissionsreduktion und besseren Ver­ teilung von organischen Düngemitteln beitragen (Bundesprogramm Nährstoffmanagement): → Umsetzung regionaler Nährstoffkonzepte bei der Gülleaufbereitung → Gülleansäuerung während der Aufbringung in wachsende Bestände → Entwicklung eines Prüfverfahrens zur Qualitäts­ sicherung beim Einsatz von NIR­Sensoren sowie Einsatz von NIR­Sensoren zur Quantifizierung der Nährstoffgehalte in flüssigen Wirtschaftsdüngern 3. Nährstofftransfer in Fruchtfolgen und Anbausyste­ men in der Forschung verstärkt berücksichtigen. 4. Wirkungsmonitoring der Düngeverordnung ein­ schließlich der Weiterentwicklung des Modells AGRUM­DE mit den Ländern entwickeln und umset­ zen. 5. Das bundesweite Früherkennungssystem für Nitrateinträge aus der Landwirtschaft fortführen und weiterentwickeln. Modellregionen zur Unterstützung des Wirkungsmonitorings bilden. Wirtschaftlichkeitsbewertung Um die Emission von Treibhausgasen zu verringern, ist es notwendig, effizienter zu düngen. Hierzu bedarf es Investitionen in verbesserte emissionsarme Aufbrin­ gungstechnik und innovative Applikationsstrategien. Sie können dazu beitragen, Düngemittel einzusparen und externalisierte Kosten, z. B. für die Trinkwasserauf­ bereitung, zu verringern, wenn die Grundwasserbelas­ tungen zurückgehen. Eine präzise Düngeapplikation führt auch in den Ackerbaubetrieben zu sinkenden Kosten. 28 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder Scheibenschlitzgerät für die Gülleausbringung zwischen den Reihen LEUCHTTURMPROJEKT BUNDESPROGRAMM NÄHRSTOFF­ MANAGEMENT (BMEL-Förderung seit 2020) Vorrangiges Ziel des Bundesprogramms Nährstoff­ management ist, die Nährstoffeffizienz von Wirt schaftsdüngern weiter zu verbessern. Insbesondere hohe Stickstoff- und Phosphor-Austräge in Form von Nitrat bzw. Phosphat belasten Grundwasser und Oberflächengewässer. Die gasförmige Freisetzung von Ammoniak aus flüssigen organischen Düngemitteln (z. B. Gülle, Gärrückstände) beeinträchtigt zusätzlich die Luftqualität und trägt zur Eutrophierung natürlicher Lebensräume bei. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in Deutsch land eine räumlich stark konzentrierte Tierhaltung mit entsprechend hohem Anfall an Wirtschaftsdüngern entwickelt. Da Wirtschaftsdünger aufgrund ihres hohen Wassergehaltes nur begrenzt transportwürdig sind, ist eine optimierte Aufbringung und Behandlung von Gülle­ bzw. Gärrückständen wichtig, um räumliche Überschüsse besser zu verteilen und unerwünschte Austräge in die Umwelt zu vermeiden. Maßnahmen, die im Rahmen des Bundesprogramms Nährstoffmanagement in Form von Modell- und Demonstrationsvorhaben gefördert werden können, sollen daher das jeweilige Potenzial aufzeigen, den Nährstoffeinsatz in der Landwirtschaft bzw. die Nähr­ stoffeffizienz zu verbessern bei gleichzeitiger Minimie rung unerwünschter Nährstoffausträge in die Umwelt. Folgende Aspekte sollen näher beleuchtet werden: → Möglichkeiten einer online gesteuerten Echt­ zeit­Nährstoff­Quantifizierung in Wirtschaftsdün gern und Gärresten während der Ausbringung (z. B. mittels NIRS-Technologie) als Voraussetzung für eine bedarfsgerechte Düngung. → Umsetzung regionaler Nährstoffkonzepte sowie die Aufbereitung von Wirtschaftsdüngern in eine trans portwürdige Form, z. B. über Separation und andere Verfahren, sowie in Produkte, die eine bedarfsge rechte und emissionsarme Ausbringung mit höherer Nährstoffverfügbarkeit zum Ziel haben. → Die Reduzierung von Ammoniak-Emissionen aus Gülle und Gärrückständen mit dem Ziel, die Luft qualität zu verbessern und gasförmige Nährstoff verluste zu vermindern. Die Ansäuerung hat das Potenzial, Ammoniakverluste im Stall und bei der Ausbringung von Wirtschaftsdüngern zu vermindern. Verluste während der Lagerung können durch eine Abdeckung von Lagerbehältern reduziert werden. Darüber hinaus bietet insbesondere die Ausbrin gungstechnik Möglichkeiten zur emissionsarmen Applikation, bei der Stickstoff verstärkt für die Pflan zenernährung nutzbar gemacht wird. 29 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau 3.4 Pflanzenschutz Ausgangslage Gesunde und leistungsfähige Pflanzen sind Grund­ voraus setzung für einen nachhaltigen Ackerbau. Ihr Schutz vor Schadorganismen ist wesentlich für die Sicherung von Höhe und Qualität der Erträge. Dafür stehen derzeit größtenteils effiziente Pflanzenschutz­ mittel zur Verfügung. Problemstellung Viele der bisher eingesetzten chemischen Pflanzen­ schutz mittel haben als biologisch aktive Substanzen auch unerwünschte Umweltwirkungen und können zu einer Verminderung der Biodiversität beitragen. Auch Rückstände von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen im Erntegut und Nachweise von Wirkstoffen und deren Metaboliten im Boden oder in Grund­ oder Oberflächen­ wasser zählen zu den unerwünschten Wirkungen. Diese Nebenwirkungen sind Gegenstand öffentlicher Kritik. Auch nicht chemische Pflanzenschutzverfahren können unerwünschte Umweltwirkungen aufweisen. Aufgrund der aktuellen Genehmigungssituation im Pflanzen­ schutz ist in den nächsten Jahren ein weiterer Rückgang der zur Verfügung stehenden Pflanzenschutzmittel vorhersehbar. Besonders deutlich wird dies im Insekti­ zid­ und Fungizidbereich sein. Zusätzlich ist gegenüber den wenigen dann noch vorhandenen Wirkstoffen mit verstärkt auftretenden Resistenzen zu rechnen. Diese Resistenzen werden voraussichtlich alle Bereiche der landwirtschaftlichen Produktion tangieren. Zielkonflikte Die Verwendung effizienter chemischer Pflanzen­ schutzmittel zur Ertrags- und Qualitätssicherung und zum Klima- und Bodenschutz, u. a. in Verbindung mit reduzierter Bodenbearbeitung, steht dem Wunsch von Verbraucherinnen und Verbraucher nach einer Reduk­ tion der Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel entgegen. Eine Reduktion des Wirkstoffspektrums und der Anwendung von chemischen Pflanzenschutzmitteln kann dazu führen, dass bestimmte Kulturen nicht mehr in Deutschland angebaut werden. Ziele Integrierten Pflanzenschutz stärken und unerwünschte Umweltwirkungen reduzieren 1. Ziel ist es, bis 2030 die Anwendung von Pflanzen schutzmitteln, die nicht als „Low­Risk­Produkt“ im Sinne des EU­Pflanzenschutzrechts eingestuft sind, deutlich zu reduzieren. 2. Ziel ist es auch, bis Ende 2023 die Anwendung glypho sathaltiger Pflanzenschutzmittel zu beenden. 3. Die Verfügbarkeit und Anwendung von Low­Risk­ Produkten unterstützen. 4. Pflanzenschutz ist deshalb künftig auch im konventio­ nellen Landbau noch stärker im Gesamtsystem des Ackerbaus zu sehen. Dazu sind folgende Faktoren neu zu bewerten und zu optimieren, u. a.: → Bodenbearbeitung → Sortenwahl → Kulturpflanzenvielfalt und Fruchtfolge → Düngung → Direkte Pflanzenschutzmaßnahmen 5. Die Entwicklung und Aktualisierung von Entschei dungshilfen im Pflanzenschutz und von geeigneten Prognosemodellen im Rahmen der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln ist mehr als zuvor erforder­ lich, um das notwendige Maß bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln besser einhalten zu können (siehe Box „Leuchtturmprojekt Vali Prog“). 6. Es sollen die Möglichkeiten, die die Digitalisierung und andere moderne Techniken eröffnen, konsequent erforscht, weiterentwickelt und genutzt werden. 7. Die Resistenzzüchtungsforschung soll weiterhin verstärkt vorangetrieben werden, um frühzeitig zu verhindern, dass sich bei Schadorganismen resistenz­ brechende Eigenschaften bilden. 8. Die Wirksamkeit, Wirkungssicherheit, Umweltsicher­ heit und Verfügbarkeit der nicht chemischen Pflan zenschutzverfahren müssen durch verstärkte For­ schung verbessert werden, um die Voraussetzungen für einen Pflanzenschutz mit möglichst wenig oder ohne chemische Pflanzenschutzmittel zu schaffen. 9. Es sind Maßnahmen zur ökonomischen Absicherung von Ertragsrisiken im Pflanzenbau zu entwickeln, die aus der Reduktion der Anwendung von Pflanzen­ schutzmitteln resultieren. Grundlage hierfür wären z. B. die Risikoinstrumente der Gemeinsamen Agrar­ politik. Vorschläge für Indikatoren 1. Pflanzenschutzmittelabsatz und enthaltener „Low­ Risk­Anteil“ 2. PAPA­Indikator (Panel Pflanzenschutzmittelanwen­ dungen) Maßnahmen 1. Biologische und andere nicht chemische Pflanzen schutzmittel und Verfahren im Pflanzenschutz entwickeln und intensiver fördern. Beispiele sind die Ansiedlung von Nützlingen und Schaffung ihrer 30 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder Lebensräume, thermische Unkrautregulierung oder mechanische Verfahren. 2. Computergestützte Prognosemodelle und Entschei dungshilfen im Pflanzenschutz aktualisieren und weiterentwickeln. Entscheidungshilfemodelle für neue Schadorganismen entwickeln und einführen. 3. Sorten­ und erregerspezifische sowie wirkstoffgrup penspezifische Prognose- und Schadschwellenmo delle, u. a. zur Nutzung von Low-Risk-Produkten, entwickeln bzw. erarbeiten. 4. Alternative und zuverlässig wirksame Pflanzenschutz­ verfahren für die konservierende, erosionsmindernde Bodenbearbeitung entwickeln und Verfügbarkeit sicherstellen. 5. Landwirtschaft bei Investitionen in besonders um­ welt­ und klimaschonende Bewirtschaftungsweisen durch das Investitions­ und Zukunftsprogramm finan­ ziell unterstützen, insbesondere bei Investitionen in Maschinen und Geräte zur exakten Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln sowie zur sensorgesteuerten mechanischen Unkrautregulierung. Wirtschaftlichkeitsbewertung Für die Weiterentwicklung des integrierten Pflanzen­ schutzes ist ein Systemwechsel des Ackerbaus mit einem ganzheitlichen ackerbaulichen Denken hin zu einem resilienten System mit robusteren Kulturpflan zen Grundvoraussetzung. Gleichwohl wird der Einsatz resistenter bzw. toleranter Sorten und nicht chemischer Pflanzenschutzmittel oder ­verfahren mit zusätzlichen Aufwendungen und Investitionen verbunden sein. Syn­ ergien sind erst mittelfristig in den Betrieben zu erwarten. LEUCHTTURMPROJEKT VALIPROG – COMPUTERGESTÜTZTE PROGNOSEN UND ENTSCHEIDUNGS­ HILFEN IM PFLANZENSCHUTZ (vom BMEL gefördert ab 2020) Die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln ist auf das notwendige Maß zu beschränken, d. h., wenn eine Anwendung nach vorheriger Bonitur wirklich notwendig ist. Für eine Bekämpfung von Schaderregern sind daher Kenntnisse über den Gesundheitsstatus der Pflanzen bestände entscheidend. Auf deren Grundlage und unter Zuhilfenahme von Schadschwellen treffen Landwirtin nen und Landwirte die Entscheidung, ob ein Pflanzen schutzmittel angewendet wird oder nicht. Bonituren der Pflanzenbestände auf einen Befall mit Krankheiten oder Schädlingen sowie auf Besatz mit Unkräutern sind aufwendig. Es werden daher dringend moderne Hilfs mittel benötigt, die die landwirtschaftlichen Betriebe unterstützen. Einen wichtigen Beitrag leisten innovative Techniken sowie computergestützte Prognosen und Entschei dungshilfen. Mit ihrer Hilfe kann der zeitliche Aufwand für eine exakte Befallserhebung deutlich vermindert werden. Voraussetzung ist die Verfügbarkeit und Praxis eignung von computergestützten Prognose- und Ent scheidungshilfemodellen. Sensoren, Modelle und andere innovative Hilfsmittel sind bisher nur für ausgewählte Krankheiten und Schadinsekten an Hauptkulturen ver fügbar. Darüber hinaus müssen diese Modelle stetig ak tualisiert werden, damit sie mit der aktuellen Situation, insbesondere den Klimabedingungen, übereinstimmen. Genau hier setzt das vom BMEL initiierte Projekt ValiProg – Computergestützte Prognosen und Ent scheidungshilfen im Pflanzenschutz – an. Das Projekt wird von der Zentralstelle der Länder für EDV-gestützte Entscheidungshilfen und Programme im Pflanzenschutz (ZEPP), den Pflanzenschutzdiensten der Länder (PSD), dem Julius Kühn-Institut (JKI) und weiteren Partner institutionen bearbeitet. In dem 2020 beginnenden Vorhaben sollen bereits verfügbare Prognose- und Entscheidungshilfesysteme für die Praxis aktualisiert werden. Auf der Grundlage neuer Daten zur Epidemiolo gie und Populationsdynamik der Schadorganismen sol len die bereits vorhandenen Modelle verbessert und mit Witterungsalgorithmen verknüpft werden. Im Ergebnis wird die Treffsicherheit der Prognosen für den Befall der Kulturpflanzen mit Schadorganismen erhöht und damit die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln vermindert. Weiterhin sollen neue Modelle für Krankheiten und Schädlinge entwickelt werden, bei denen das Potenzial der Einsparung von Pflanzenschutzmitteln hoch ist. 31 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau 3.5 Pflanzenzüchtung Ausgangslage Der Pflanzenzüchtung kommt eine besondere Bedeu­ tung bei der Bewältigung zukünftiger Herausforderun­ gen zu. Der Züchtungsfortschritt war in den vergange­ nen Jahrzehnten sehr beachtlich: Heute sind von vielen Kulturarten neue Pflanzensorten mit deutlich verbes­ serten Ertrags­, Resistenz­ und Toleranzeigenschaften am Markt verfügbar. Eine Weiterentwicklung der etablierten Züchtungstechniken wie auch die Nutzung der „Neuen molekularbiologischen Techniken (NMT)“ können dazu beitragen, den ackerbaulichen Bedarf an neuen Sorten zu decken. Problemstellung Sich verändernde Klima­ und Umweltbedingungen sowie verändertes Nachfrageverhalten machen eine kontinuierliche züchterische Anpassung der landwirt­ schaftlich genutzten Kulturarten notwendig, insbeson­ dere im Hinblick auf Resistenz- und Toleranzeigen schaften sowie verbesserte Ressourceneffizienz. Neben den etablierten großen Kulturarten ist es notwendig, auch die kleineren Kulturarten, die aufgrund geringer Nachfrage im Anbau zurückgegangen sind, sowie auch neue Kulturarten verstärkt züchterisch zu verbessern, um deren Ertragspotenzial und ­stabilität zu erhöhen. Zielkonflikte Die „Neuen molekularbiologischen Techniken (NMT)“ bieten die Chance, schnellere Züchtungserfolge zu erzie­ len. Mit der Entscheidung des Europäischen Gerichts­ hofs (EuGH) werden die NMT wie CRISPR/Cas jedoch als Gentechnik eingestuft und restriktiv gemäß EU-Gen technikrecht behandelt. Dadurch ist in Deutschland und Europa die Anwendung dieser Methoden in der Züch­ tungspraxis deutlich erschwert. Ziele Widerstandsfähige und standortangepasste Kulturpflanzenarten und -sorten entwickeln und nutzen 1. Ziel ist die züchterische Verbesserung von Kulturpflan­ zen, insbesondere im Hinblick auf Ressourceneffizienz sowie auf Resistenz­ und Toleranzeigenschaften. Dies ist eine wichtige Maßnahme, um den integrierten Anbau in der Landwirtschaft zu fördern. Dabei ist die züchterische Bearbeitung vernachlässigter oder bisher wenig genutzter sowie neuer Pflanzenarten ein weiteres wichtiges Ziel und sollte durch die öffentliche Forschungsförderung weiterhin unterstützt werden. Dies bietet Möglichkeiten, das Kulturpflanzenspek trum in der Fläche zu erweitern bzw. den Flächen anteil kleinerer Kulturarten zu erhöhen, wenn sich wirtschaftliche Chancen für neue Produkte eröffnen. 2. Um den notwendigen Züchtungsfortschritt zu beschleunigen, sind innovative Züchtungs- und Selektionsmethoden weiterzuentwickeln und zu nut­ zen. Diese ermöglichen es, die Kulturpflanzen schnell an Veränderungen der Anbaubedingungen und des Schadorganismenspektrums anzupassen. 3. Das BMEL engagiert sich in einem gesellschaftlichen Diskussionsprozess zum regulatorischen Umgang mit NMT – sowohl auf nationaler als auch auf europäi­ scher Ebene. Für den Umgang mit NMT benötigen wir gesellschaftlich abgestimmte Forschungs­, Anwen­ dungs­ und Transparenzregeln, die auch ethische, ökologische und soziale Aspekte sowie die Belange des Ökolandbaus einbeziehen. 4. Daneben gilt es auch weiterhin, Züchtungsfortschritte unter Einsatz von etablierten Züchtungsverfahren anzustreben, die nicht unter das aktuelle EU­Gentech­ nikrecht fallen. 5. Bei der Sortenwahl sollte eine stärkere Beachtung von ertragssichernden Faktoren wie Resistenzen, Toleranzen und Effizienzen erfolgen. Die Wertprü­ fungssysteme der staatlichen Sortenprüfung, die zugleich Ergebnisse für eine neutrale Sortenberatung der Landwirtschaft liefern, müssen neue Sorteneigen­ schaften wie Trockenstresstoleranz oder Nährstoffeffi­ zienz angemessen berücksichtigen. EUGH­URTEIL ZU „NEUEN MOLEKULARBIOLOGISCHEN ZÜCHTUNGSTECHNIKEN“ Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat am 25. Juli 2018 entschieden, dass die mit den „Neu en molekularbiologischen Techniken (NMT)“, wie beispielsweise CRISPR/Cas, gezüchteten Pflanzen gentechnisch veränderte Organismen (GVO) nach dem EU-Gentechnikrecht sind. Für sie gelten dem nach Zulassungs- und Kennzeichnungsregelungen. Mittels klassischer Mutagenese erzeugte Organis men können dagegen über die Anwendung der so genannten Mutagenese-Ausnahmeregelung davon ausgenommen werden. 32 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder Vorschlag für einen Indikator Entwicklung des Züchtungsfortschritts, z. B. Anzahl der Sorten mit verbesserten Resistenzeigenschaften Maßnahmen 1. Politische Gestaltungsoptionen zum Umgang mit NMT entwickeln. 2. Züchterische Verbesserung von Kulturpflanzen im Hinblick auf Toleranz-, Resistenz- und Effizienz eigenschaften fördern. 3. Züchtung neuer und züchterische Verbesserung wenig genutzter Kulturpflanzen fördern. 4. Wissenschaftliche Arbeitsgruppen initiieren und unterstützen, die sich (wieder) mit der züchterischen Entwicklung kleiner bzw. in den letzten Jahren ver­ nachlässigter Kulturarten beschäftigen. 5. Neue beschreibende Sorteneigenschaften (bei­ spielsweise Toleranz gegen biotische und abiotische Schadursachen, Nährstoffeffizienz, insbesondere Stickstoffeffizienz) im Sortenprüfwesen aufnehmen und jeweilige Gewichtung bei der Bewertung der wertbestimmenden Eigenschaften prüfen. Wirtschaftlichkeitsbewertung Für die Landwirtschaft entstehen nur geringe Kosten, die Betriebe werden aber durch Kosteneinsparungen von neuen Arten und Sorten profitieren, weil diese wider­ standsfähiger und ertragsstabiler sind. LEUCHTTURMPROJEKT ZÜCHTUNG TERTIUS: GENOM­BASIERTE STRATEGIEN ZUR NUTZUNG DES TERTIÄREN GENPOOLS FÜR DIE ZÜCHTUNG KLIMAANGEPASSTEN WEIZENS (BMEL-Förderung seit 2020) Die ablaufenden Klimaänderungen stellen die Land wirtschaft in Deutschland vor große Herausforde rungen, insbesondere durch vermehrte und längere Trockenperioden in den Frühjahrs- und Sommermona ten. Eine zentrale Anpassungsmaßnahme ist der Anbau von trockenstresstoleranten Sorten, die bisher jedoch noch nicht in notwendigem Umfang zur Verfügung ste hen. Das übergeordnete Ziel von TERTIUS ist es daher, Weizenprototypen mit verbesserter Wassernutzungs effizienz und optimierter Wurzelleistung zu entwickeln, die sich auch unter Trockenstress durch eine stabil hohe Kornertragsleistung auszeichnen. TERTIUS ist darauf ausgerichtet, durch Nutzung von Weizen-Rog gen-Translokationen die genetische Variation für das Wurzelsystem in Winterweizen zu erhöhen. Dazu wird im Projekt TERTIUS der Genpool des Weizens systema tisch im Hinblick auf wertvolle Genvarianten durch mustert und die Trockenstresstoleranz über Ansätze der Präzisionszüchtung verbessert. Die in TERTIUS erarbeiteten Ergebnisse werden die Entwicklung von trockenstresstoleranten Sorten beschleunigen, so dass Landwirtinnen und Landwirte von Sorten mit hohem und stabilem Ertrag profitieren werden. Diese Sorten werden dazu beitragen, dass der limitierende Faktor Wasser effektiver genutzt werden kann, so dass die Produktion nachhaltiger gestaltet und der Bedarf der Verbraucherinnen und Verbraucher an ausreichenden und gesunden Lebensmitteln nachhaltig gedeckt werden kann. An dem Projekt beteiligt sind das Julius Kühn-Institut, die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft sowie drei private deutsche Züchtungs unternehmen. Weizenzuchtgarten 33 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau 3.6 Digitalisierung Ausgangslage Sensoren und digitale Assistenten tragen bereits heute vielfach zur Arbeitsvereinfachung, zur Effizienzsteige­ rung und zur Schonung der Ressourcen und der Umwelt im Ackerbau bei. Mit der Digitalisierung verbinden sich auch weitergehende Erwartungen in den Bereichen Düngung, Pflanzenschutz, Umweltschutz (Boden, Ge wässer, Luft), Klimaschutz und Klimaanpassung, Bio diversitätsschutz, Nachhaltigkeit, Qualitätssicherung und Rückverfolgbarkeit vom Produkt zum jeweiligen Ackerbaubetrieb. Problemstellung Landmaschinen mit digitaler Ausstattung sind regional unterschiedlich verbreitet. Hohe Investitionskosten, fehlende System­ und Schnittstellenkompatibilität und teilweise fehlende Kenntnisse der Landwirtinnen und Landwirte verhindern eine zügigere Einführung. Es gibt Verbesserungsbedarf: Die Handhabung muss noch vereinfacht werden, die Kosten digitaler Techniken zu­ rückgehen, der Zugang zu prozessierten Daten erleich­ tert werden (z. B. diverse amtliche Daten wie Geodaten, Fernerkundungsdaten). Die Mobilfunkabdeckung auf dem Land muss sich verbessern, ebenso der Schutz be­ trieblicher Daten. Außerdem müssen neben den Ange­ boten der Hersteller ausreichend neutrale Bildungs­ und Beratungsangebote vorgehalten werden. Zielkonflikte Die Kosten für die Anschaffung neuer digitaler Technik übersteigen häufig die ökonomischen Möglichkeiten kleiner landwirtschaftlicher Betriebe bzw. lohnen sich bei kleinen Betriebsgrößen nicht. Dies kann zu einem beschleunigten Strukturwandel führen. Für diese Betriebe kann allerdings die verstärkte Nutzung von Lohnunternehmer­ oder Maschinenringleistungen eine Möglichkeit bieten, modernste Technik einzusetzen. Unklarheiten bei der Datenhoheit und ­sicherheit stehen aus Sicht der Landwirtinnen und Landwirte der Einfüh­ rung neuer digitaler Techniken teilweise entgegen. Ziele Ackerbauliche Potenziale mithilfe der Digitalisie rung optimal nutzen Bestehende digitale Verfahren, die zur Steigerung der Nachhaltigkeit beitragen, sollen in der Breite umgesetzt und angewandt sowie neue Verfahren zur Verbesserung der Ressourceneffizienz entwickelt werden. Hierbei sind die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Dazu gehören eine flächendeckende Mobilfunkabdeckung sowie eine flächendeckende Verfügbarkeit der Korrek­ tursignale des amtlichen Satellitenpositionierungsdiens­ tes SAPOS® in der Landwirtschaft zum Aufmessen oder Abstecken von Punkten mithilfe von satellitengestützten Navigationssystemen. Zudem sind Fragen zur Daten­ hoheit und zum Datenschutz zu klären. Neue Entwick­ lungen sollten unabhängig bewertet werden und der Landwirtschaft die Ergebnisse zugänglich gemacht werden. Vorschläge für Indikatoren 1. Mobilfunk­ und Breitbandabdeckung im ländlichen Raum 2. Entwicklung des Absatzes digitaler Anwendungs­ technologien Maßnahmen 1. Möglichkeiten zur Einführung eines unabhängigen „Qualitäts-TÜV“ für digitale Anwendungen in der Landwirtschaft prüfen. 2. Innovative und digitale Technik für mögliche Verfahren und Arbeitsweisen zur Anwendung im Ackerbau entwickeln und fördern; insbesondere bei der Bodenbearbeitung, der Düngung und im Pflan­ zenschutz zur Verbesserung der Bodengesundheit sowie der allgemeinen Effizienzverbesserung dieser Sektoren. 3. Investitionen in digitale Technologie fördern, ins­ besondere für kleine und mittlere Betriebe und den überbetrieblichen Einsatz. 4. Flächendeckende Mobilfunkabdeckung sowie eine entsprechende Verfügbarkeit von Satellitenkorrek­ tursignalen etablieren. 5. Den Zugang zu öffentlichen Daten für Landwirtin­ nen und Landwirte in praxisgerechter Form gewähr­ leisten. 6. Digitale Experimentierfelder in der Landwirtschaft bundesweit etablieren und so flächendeckend nach­ haltige digitale Technologien erproben und darüber informieren. 7. Voraussetzungen prüfen, wie die in der Landwirt­ schaft erzeugten Daten der Kontrolle („Datenho­ heit“) der Landwirtin und des Landwirts unterliegen können und ausreichend vor unbefugtem Zugriff abgesichert sind. 34 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder LEUCHTTURMPROJEKT DIGITALE EXPERIMENTIERFELDER IN DER LANDWIRTSCHAFT (BMEL gefördert 2019–2023) Die digitalen Experimentierfelder in der Landwirtschaft sind Testfelder auf landwirtschaftlichen Betrieben, auf denen u. a. untersucht werden soll, wie digitale Tech niken optimal zum Schutz der Umwelt, der Steigerung der Biodiversität sowie zur Arbeitserleichterung und Effizienzsteigerung eingesetzt werden können. Das Experimentierfeld „BeSt-SH“ verfolgt beispiels weise den Ansatz, über die Analyse und anschließen de Visualisierung von gesamtbetrieblichen Arbeits-, Energie- und Nährstoffströmen ein digitales Abbild der teilnehmenden Betriebe zu erschaffen. Dieser „digitale Zwilling“ soll dazu dienen, betriebsindividuelle Frage stellungen im Detail durchdenken und Lösungsansätze erarbeiten und visualisieren zu können. Dazu werden zunächst unter Zuhilfenahme der Daten, welche moderne Sensoren liefern, die einzelnen Res sourcen im landwirtschaftlichen Kreislauf dokumen tiert, analysiert und visualisiert. Durch die ganzheitliche, barrierefreie Abbildung der einzelnen Ressourcen auf den landwirtschaftlichen Testbetrieben und Feldern soll ein herstellerunabhängiges digitales Stoffstrommodell entwickelt werden. Anwender sollen im Anschluss in die Lage versetzt werden, ihren individuellen Betrieb digital mit einzelnen Modulen nachzubilden. Für die über das gesamte Bundesgebiet verteilten 14 Experimentierfelder sind in den Jahren 2019 bis 2023 (Laufzeit: 36 Monate) insgesamt etwa 50 Mio. Euro Fördermittel eingeplant. Sie sind auch Anlaufstellen für interessierte Praktiker zur Unterstützung des Wissens und Informationstransfers in die Praxis und aus der Praxis in die Experimentierfelder. Wirtschaftlichkeitsbewertung Digitale Technik ist gegenwärtig noch mit teilweise hohen Anschaffungskosten verbunden. Die Anschaffung digitaler Technik muss daher unterstützt werden, um eine zügige Verbreitung zu forcieren. Im Zuge des Einsatzes und der Nutzung der digitalen Techniken und Verfahren sind Kosteneinsparungen im ackerbaulichen Produkti onsprozess zu erwarten. 35 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau 3.7 Biodiversität Ausgangslage Biodiversität hat einen hohen Eigenwert als Teil der Natur und erfüllt vielfältige Funktionen, u. a. für die Boden­ fruchtbarkeit, die Schädlingsregulation, die Bestäubung vieler Nutzpflanzen und weiterer Pflanzen in der Natur. Es gibt einen starken Verlust an Biodiversität, was beispielsweise der Nachhaltigkeitsindikator Artenvielfalt und Landschaftsqualität zeigt. Die Ursache hierfür ist auch in der Landwirtschaft zu suchen. So hat die Erhö­ hung der Produktionsintensität der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten beispielsweise dazu geführt, dass die Ackerwildkrautflora (sog. Segetalflora) zurück­ gedrängt wurde. Darüber hinaus wurden vielfach für die Biodiversität bedeutsame Strukturen wie Ackerraine, Feldsäume und Hecken beseitigt. In einigen Bereichen liegen bereits Erkenntnisse vor, der Gesamtbereich der Landwirtschaft bzw. des Ackerbaus ist jedoch im Hin­ blick auf seine Auswirkungen auf die Biodiversität noch nicht vollständig bewertet. Der ökologische Landbau leistet aufgrund des diverseren Anbaus und des geringeren Produktionsmitteleinsatzes einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Biodiversität. Problemstellung Die Ursachen für den Rückgang der biologischen Viel­ falt in der Agrarlandschaft sind vielfältig und regional unterschiedlich. Ein umfassendes nationales Monitoring für die Biodiversität der Agrarlandschaft inkl. Insekten befindet sich im Aufbau. Als Hauptursachen für den Rückgang der Biodiversität werden genannt: 1. Die intensive landwirtschaftliche Nutzung 2. Die Zerschneidung und Zersiedelung der Landschaft 3. Der Ausbau von Verkehrswegen 4. Der Wegfall kleinräumiger Strukturelemente 5. Die Versiegelung von Flächen 6. Die Lichtverschmutzung 7. Die Einträge von Nähr­ und Schadstoffen 8. Der Klimawandel Zielkonflikte Grundsätzlich verfolgt der Anbau von Kulturpflanzen auf landwirtschaftlichen Nutzflächen das Ziel, deren Entwicklung zu fördern, sich gegen ihre Konkurrenten und Schadorganismen durchzusetzen und dadurch hohe Erträge und die geforderten hohen Qualitätsanforde­ rungen zu erzielen. Maßnahmen zur Steigerung und Förderung der Biodiversität auf der Ackerfläche können diesem Ziel entgegenstehen und mit Produktivitätsein­ bußen einhergehen. Werden Flächen für Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität aus der Produktion genommen, stehen diese nicht mehr für die Erzeugung von Nahrungsmitteln, Futtermitteln und biogenen Roh­ stoffen zu Verfügung. Ziele Biodiversität in der Agrarlandschaft stärken 1. Der Rückgang der Artenzahl in der Agrarlandschaft muss aufgehalten und die Artenvielfalt wieder erhöht werden. Ökosystem­ und Strukturvielfalt trägt dazu bei. Dieses Potenzial gilt es, konsequent zu nutzen. Es sind vernetzte Lebensräume für Fauna und Flora herzustellen, beispielsweise durch Streifen mit insek tenfreundlichen Pflanzen am Ackerrand und in der Fläche. 2. Für eine Förderung der Biodiversität der Agrarland­ schaft sind folgende Maßnahmen förderlich: → Mehrjährige Strukturelemente, z. B. Blühstreifen oder Agroforstsysteme → Kleinere Schlaggrößen → Hohes Vorkommen von Saumbiotopen im Über­ gang von einer zur anderen Kultur → Mehrgliedrige Fruchtfolgen → Verringerte Produktionsintensitäten auf den dafür vorgesehenen Flächen → Eine möglichst ganzjährige Bodenbedeckung und das Vorhandensein verschiedener Kultur­ arten und ­sorten in der Fläche 3. Für eine effektive Planung der Maßnahmen sollten regionale Ziele definiert und durch ein geeignetes Monitoring evaluiert werden. Dazu gehört auch, Hemmnisse zu identifizieren und zu überwinden, die die Akzeptanz von Biodiversitätsmaßnahmen mindern. 4. Nutzungsänderungen zur Förderung der Biodiversi­ tät in der Agrarlandschaft sind ökonomisch und ökologisch zu bewerten. Nutzungsänderungen müssen gesetzlich so abgesichert werden, dass sie reversibel sind. 5. Eine Ausdehnung der ökologisch bewirtschafteten Flächen soll erreicht werden. Vorschläge für Indikatoren 1. Nachhaltigkeitsindikator Artenvielfalt und Land­ schaftsqualität, Teilindikator Agrarland 2. Agrarumweltförderung (geförderte Fläche) 3. Entwicklung der Biodiversität in beispielhaften Zielgebieten 4. Flächenanteil Ökolandbau 36 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder Maßnahmen Biodiversitätsfördernde Maßnahmen in der Agrarland­ schaft können unterschiedlich umgesetzt werden: Zum einen können Flächen insgesamt extensiver bewirt­ schaftet werden, wie etwa im ökologischen Landbau. Zum anderen können Teilflächen für biodiversitätsför­ dernde Maßnahmen bereitgestellt und die verbleiben­ den Flächen ansonsten weiterhin intensiv bewirtschaftet werden. Daher ist jeweils zwischen Maßnahmen inner­ halb der Ackerfläche (land sharing) und außerhalb der Ackerfläche (land sparing) zu unterscheiden. 1. Systematisches, bundesweites Monitoring zur bio­ logischen Vielfalt in Agrarlandschaften (Monitoring Verbundvorhaben des BMEL MonViA) durchführen. 2. Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität im Rahmen der GAP und der GAK weiterführen und weiterentwickeln, z. B. „Fruchtfolgeglied Biodiversi tät“ einführen, ggf. Förderung als Agrarumwelt­ und Klimamaßnahme (AUKM). 3. Regionale Biodiversitätsziele festlegen und biodiver­ sitätsfördernde Maßnahmen über die Betriebsgren­ zen hinaus besser vernetzen. 4. Regionale Stakeholderverbünde aus Landwirtschaft, Umwelt und örtlicher Verwaltung zur Planung und Umsetzung von regional abgestimmten biodiversi­ tätsfördernden Maßnahmen und Biotopverbundsys­ temen weiter fördern bzw. aufbauen – ggf. in Anleh­ nung an das „Niederländische Modell“¹. 5. Administrative Hindernisse abbauen, administra­ tiven Aufwand bei der Teilnahme an biodiversitäts­ fördernden Maßnahmen minimieren. 6. Strukturelemente zur Unterteilung von großen Schlägen schaffen, beispielsweise mittels Agroforst­ systemen, Feldhecken und Blühstreifen. 7. Den Ökolandbau weiter fördern. Wirtschaftlichkeitsbewertung Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität in der Agrarlandschaft sind häufig mit Nutzungseinschränkun­ gen verbunden. Es können sich aber auch Synergien mit dem Ackerbau, z. B. durch Bestäubung und Schädlings­ kontrolle, entwickeln. Die Förderung der Biodiversität trägt dazu bei, dass die Anbausysteme resilienter und ertragsstabiler werden, sodass sich diese Maßnahmen auf lange Sicht positiv auf die Betriebsergebnisse aus­ wirken können. Nichtsdestotrotz müssen Maßnahmen und Aufwendungen, die auf einem landwirtschaftlichen Betrieb durchgeführt werden, entsprechend finanziell entlohnt werden. 1 Beim „Niederländischen Modell“ werden die Anträge für die Agrarumwelt- und Klimaschutzmaßnahmen der 2. Säule der GAP regional gebündelt von Zusammenschlüssen gestellt, die im weiteren Verlauf u. a. die Auszahlung der Fördermittel an die Landwirtinnen und Landwirte übernehmen und die Umsetzung der Maßnahmen überwachen. 37 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau LEUCHTTURMPROJEKT MONVIA – BUNDESWEITES MONITORING DER BIOLOGISCHEN VIELFALT IN AGRAR­ LANDSCHAFTEN (BMEL gefördert 2019–2024) Bestehende Monitoringprogramme lassen nur in be grenztem Umfang wissenschaftlich belastbare Rück schlüsse auf die zugrunde liegenden Ursachen-Wir kungsbeziehungen zu. Zudem sind Bewertungen der Wirkung von agrarumweltpolitischen Maßnahmen zur Förderung der biologischen Vielfalt nur eingeschränkt möglich. Daher bedarf es einer repräsentativen, bun­ desweiten Datengrundlage. Im Verbundprojekt MonViA wollen Wissenschaft lerinnen und Wissenschaftler fundierte Antworten auf folgende Fragen geben: Wie entwickelt sich die biologische Vielfalt in offenen Agrarlandschaften unter dem Einfluss der landwirtschaftlichen Produktion, des Landnutzungs- und des Agrarstrukturwandels? Wie wirkt sich die Veränderung der biologischen Vielfalt auf die Leistungsfähigkeit und Stabilität der landwirt schaftlichen Produktionssysteme aus? Wie wirken agrar- und umweltpolitische Maßnahmen auf die bio logische Vielfalt? MonViA ergänzt bereits bestehende naturschutz fachliche Monitoringansätze und startet mit einer fünfjährigen Pilotphase, in der standardisierte Er fassungsmethoden und innovative Indikatorensysteme für drei Teilbereiche entwickelt werden: bundesweites Trendmonitoring, vertiefendes Monitoring zu agrar räumlichen Fragestellungen sowie Citizen-Science-ba siertes Monitoring. Bei Letzterem sollen insbesondere Landwirtinnen und Landwirte in Monitoringaktivitäten eingebunden werden. MonViA beschäftigt sich neben der Vielfalt von Lebensräumen mit verschiedenen Organismengruppen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf funktionellen Gruppen (Bestäuber, Schädlinge, Nütz linge, Bodenfauna), die für die Leistungsfähigkeit von landwirtschaftlichen Produktionssystemen von beson derer Bedeutung sind. An dem Projekt sind insgesamt zwölf Fachinstitute des Thünen-Instituts und des Julius Kühn-Instituts sowie die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung beteiligt. Die Gesamtkoordination liegt beim Thünen Institut für Biodiversität. https://www.agrarmonitoring-monvia.de/ https://www.agrarmonitoring-monvia.de/ 38 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder 3.8 Klimaanpassung Ausgangslage Der Klimawandel stellt den Ackerbau bereits heute vor große Herausforderungen, da er von höheren Durch schnittstemperaturen, veränderter Niederschlagsver teilung, höheren CO ² ­Konzentrationen in der Luft sowie häufigeren und intensiveren Extremwetterlagen und ­ereignissen direkt betroffen ist. Problemstellung Der Ackerbau muss sich in Zukunft noch stärker auf die Auswirkungen der klimatischen Änderungen einstellen. Das schließt verlängerte Vegetationsperioden, verkürzte Entwicklungsverläufe, höhere Spätfrostrisiken, vermehr­ te Starkregenereignisse, längere Trockenheits­ und Hit­ zeperioden, größere Risiken eines Humusabbaus sowie ein verstärktes Auftreten von Schadorganismen mit ein. → Zukünftige Klimaänderungen werden – wie auch die bereits beobachteten Veränderungen – regional und saisonal unterschiedlich ausgeprägt sein. Dem­ entsprechend ist auch die Betroffenheit der jeweili­ gen Regionen unterschiedlich. Zielkonflikte Der Ausbau von Beregnungs­/Bewässerungskapazi­ täten kann durch das lokal verfügbare Wasserangebot begrenzt sein. Dem Schutz vor Erosion infolge zuneh­ mender Starkregenereignisse sowie der Schonung des Bodenwasserhaushalts durch konservierende Boden­ bearbeitung kann eine vermehrte und intensivere Bodenbearbeitung aufgrund von Herbizideinschrän­ kungen entgegenstehen. Ziele Klimaangepasste Anbaukonzepte entwickeln 1. Um auch künftig die Versorgung mit sicheren Lebens­ und Futtermitteln sowie biobasierten Rohstoffen zu gewährleisten, ist die regionale Betroffenheit von Klimaänderungen zu ermitteln. Daraus müssen pflanzenbauliche Anbausysteme und Anpassungs optionen, beispielsweise hinsichtlich Pflanzenarten­ und Sortenwahl, Bewirtschaftungsmethoden und Bewässerungspotenziale, entwickelt werden, die auch unter veränderten Klimabedingungen produktiv und nachhaltig sind. Dafür sind regionale Optimierungs konzepte vom Anbau bis zur Verarbeitung erforder­ lich. Auf staatlichen Versuchsflächen sollten gezielte und langfristig angelegte Experimente und Exakt­ 1880 1890 1900 1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2020 JÄHRLICHE MITTLERE TAGESMITTELTEMPERATUR IN DEUTSCHLAND 1881 – 2020 Einzelwerte Linearer Trend Mittelwert 1961-1990 11 10,5 10 9,5 9 8,5 8 7,5 7 6,5 6 Quelle: Deutscher Wetterdienst (DWD) 39 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau versuche durchgeführt werden, um insbesondere neue Verfahren und Systeme individuell erproben zu können. Vorhandene und neu gewonnene Erkennt­ nisse sind verstärkt in die Praxis zu überführen. 2. Im Hinblick auf vermehrte Trockenheit in den Hauptwachstumszeiträumen muss auch geprüft werden, inwieweit Bewässerungskapazitäten für den Ackerbau ausgebaut werden können. In Flur­ bereinigungsverfahren und anderen Strukturmaß­ nahmen sollte berücksichtigt werden, dass sie dem Aufbau einer geeigneten Bewässerungsinfrastruktur nicht entgegenstehen. Die Durchführung einer be­ darfsgerechten Bewässerung erfordert umfangreiche Kenntnisse, die entsprechend durch Forschung und Beratung zu begleiten wären. Es wird darauf ankom­ men, mit der endlichen Ressource Wasser effizient und sparsam umzugehen. 3. Es müssen Monitoringprogramme entwickelt wer­ den, die die Gefährdung verschiedener Regionen und die entsprechenden Anpassungsstrategien regions­ spezifisch ermitteln und darstellen. Dafür kommen zahlreiche Anpassungsoptionen infrage, wie: → Diversifizierung der Fruchtfolge unter Einbezie­ hung toleranter und effizienter Kulturpflanzen → Integration bodenstrukturverbessernder Kulturen in die Fruchtfolge → Gezielte Auswahl von standortangepassten Sorten → Misch­ oder Streifenanbau → Veränderte Bestandsführung (u. a. Anpassung der Düngezeitpunkte) → Möglichst ganzjährige Bodenbedeckung → Anbau von Zwischenfrüchten und mehrjährigen Kulturen → Zweikulturanbau unter der Voraussetzung aus­ reichender Wasserverfügbarkeit → Anpassung von Bodenbearbeitungsverfahren (z. B. Mulch­ und Direktsaat) → Bodenschutzgerechte Flurgestaltung zum Schutz vor Erosion → Erhalt und Aufbau von Humus, z. B. durch Anpas­ sung der Zu­ und Abfuhr organischer Substanz → Vermeidung der Ausbreitung und Verschleppung neuer Schadorganismen Für den Transfer der Anpassungsstrategien in die Praxis ist Beratung erforderlich. Vorschlag für einen Indikator Auswirkungen der veränderten Klimabedingungen auf die landwirtschaftlichen Produktionsmengen und Qualitäten Maßnahmen 1. Regionale Betroffenheit evaluieren und regional­ spezifische Empfehlungen für einen an den Klima­ wandel angepassten Ackerbau ableiten (Kulturarten, Sorten und Fruchtfolgen, Bewirtschaftungsmetho­ den, Bodenbearbeitung, Erosionsschutz, Wasser­ speicherung). 2. Maßnahmen zur Anpassung des Pflanzenbaus an den Klimawandel erproben und integrieren. 3. Auf­ und Ausbau zusätzlicher effizienter Bewässe rungskapazitäten prüfen, unter Berücksichtigung von bundesweiten Grundsätzen, z. B. zur Wasserent­ nahme und zur Möglichkeit zur Speicherung von Niederschlagswasser. Wirtschaftlichkeitsbewertung Die Anpassung an veränderte klimatische Bedingungen macht teilweise kostenträchtige Maßnahmen notwendig. Auf lange Sicht werden sich diese Anpassungen positiv auf die Betriebsergebnisse auswirken, da die Anbausysteme resilienter und ertragsstabiler werden. 40 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder LEUCHTTURMPROJEKT OPTAKLIM – OPTIMIERUNG VON ANBAU­ STRATEGIEN UND ­VERFAHREN ZUR KLIMAANPASSUNG – Analyse und Bewertung auf Landschaftsebene unter besonderer Berücksichtigung von Interaktionen mit dem Pflanzenschutz, der Produktivität, der Fruchtar tenverteilung und den THG-Emissionen (BMEL geför dert von 2018 bis 2021) Wie kann sich die Landwirtschaft an den Klimawandel anpassen? Welche Hemmnisse und Strategien gibt es? Wie sehen konkrete Lösungen für die Regionen aus? Zur Klärung dieser Zukunftsfragen hat sich das Projekt OptAKlim die Optimierung von Anbaustrategien und verfahren zur Klimaanpassung zum Ziel gemacht. Im Rahmen des Projektes wird in drei klimatisch unter schiedlichen Untersuchungsgebieten (Modellregionen) untersucht, welche regionalen Veränderungen durch den Klimawandel zu erwarten sind und wie sich diese erwartungsgemäß auf das Pflanzenwachstum, die Ertragsbildung, das Schaderregerauftreten und den Pflanzenschutz auswirken. Auf mehreren Arbeitstreffen werden mit regionalen Akteuren Lösungsansätze und Wege zu verbesserten Anbauverfahrenslösungen dis kutiert. Nachfolgend erfolgt die meteorologisch-öko nomisch-ökologische Modellierung der identifizierten Produktionsverfahren, um die Konsequenzen der betrachteten Mitigations- oder Klimaanpassungsmaß nahmen für die Handlungsfelder der landwirtschaftli chen Betriebe (z. B. Klimaschutz, Bodenschutz, Gewäs serschutz, Förderung der Biodiversität) zu identifizieren sowie Auswirkungen auf den Pflanzenschutz, dessen Umweltwirkungen, die Betriebsabläufe und die Öko nomie des Betriebes zu bewerten. Die Projektergeb nisse, u. a. die empfohlenen Klimaanpassungsmaß nahmen, werden der landwirtschaftlichen Praxis und Beratung über ein internetbasiertes Informationstool bereitgestellt und sollen zu einer verbesserten land wirtschaftlichen Klimawandelberatung beitragen. An dem Verbundprojekt sind das Julius Kühn-Institut, das Leibniz-Zentrum für Agrarlandforschung, das Pots dam-Institut für Klimafolgenforschung, die Justus-Lie big-Universität Gießen sowie die Ingenieursgesellschaft für Landwirtschaft und Umwelt beteiligt. Weitere Informationen: https://optaklim.julius-kuehn.de Streifenbodenbearbeitung https://optaklim.julius-kuehn.de/ 41 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau Übergreifende Handlungsfelder 3.9 Klimaschutz Ausgangslage Im Ackerbau sind die wichtigsten treibhausgasrelevan ten Emissionen Stickstoffemissionen (hauptsächlich in Form von Lachgas), insbesondere aus der Düngung, der Umsetzung von Ernterückständen und organischen Düngern sowie der Mineralisierung von Moorböden. Dazu kommen Kohlendioxidemissionen aus entwäs­ serten landwirtschaftlich genutzten Moorstandorten sowie aus dem direkten Energieverbrauch. Während der direkte Energieverbrauch verhältnismäßig geringe CO ² ­Emissionen verursacht, birgt die angepasste Nut­ zung von Moorstandorten ein weitaus größeres Klima­ schutzpotenzial. Problemstellung Im Jahr 2019 war die deutsche Landwirtschaft für die Emission von rund 61,8 Millionen Tonnen CO ² ­Äqui­ valenten (ohne energiebedingte Emissionen der Land­ wirtschaft) verantwortlich. Das sind 7,7 Prozent der gesamten deutschen Treibhausgasemissionen. Im Vergleich dazu emittiert der Energiesektor 34 Prozent, die Industrie 23 Prozent und der Verkehr 19 Prozent. Die Treibhausgasemissionen verteilen sich zu etwa gleichen Teilen auf Tierhaltung und Wirtschaftsdünger einer­ seits sowie auf Mineraldüngung und Bodennutzung andererseits. Für die Emissionen von Ammoniak (NH ³ ) war die Landwirtschaft in Deutschland mit rund 640 Tausend Tonnen die Hauptquelle. Ammoniak entsteht vornehmlich durch Tierhaltung (einschließlich des Wirtschaftsdüngermanagements) und in geringerem Maße durch die Verwendung mineralischer Düngemittel sowie die Lagerung und Ausbringung von Gärresten der Biogasproduktion in der Landwirtschaft. Um die Min­ derungsverpflichtungen nach der neuen NEC­Richtlinie (Reduzierung der Ammoniakemissionen um 29 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2005) einzuhalten, müssen nach derzeitigem Stand rund 200 Kilotonnen Ammo­ niak bis zum Jahr 2030 gemindert werden. Die größten Minderungspotenziale bestehen im Wirtschafts­ und Mineraldüngermanagement. Ammoniak ist nicht nur ein Luftschadstoff, sondern führt auch zur Bildung des klimaschädlichen Lachgases. Zielkonflikte Wirksamer Klimaschutz im Ackerbau erfordert langfris­ tige und nachhaltige Lösungsstrategien. Diese können jedoch im Widerspruch zu einem hohen Produktions­ niveau stehen sowie Produktionsverlagerungseffekte verursachen. Anhebungen von Wasserständen auf orga­ nischen Böden sind in der Regel mit einer geänderten Nutzung oder Nutzungsaufgabe der Flächen verbunden. Die stärkere Anwendung von mechanischen Verfahren im Pflanzenschutz durch den Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel kann zu höheren CO ² ­Emissionen führen. Ziele Klimaschutz im Ackerbau ausbauen und Synergien nutzen Die im Ackerbau entstehenden umwelt­ und klimarele­ vanten Emissionen müssen minimiert werden. Hier­ bei spielen auch der Erhalt und die Speicherung von Kohlenstoff in landwirtschaftlichen Böden eine wichtige Rolle. Da Humus einen der größten terrestrischen Spei cher für organischen Kohlenstoff darstellt, muss der Humusgehalt in organischen und mineralischen Böden erhalten und, wo sinnvoll und möglich, weiter aufgebaut werden. Für organische Böden sind Bewirtschaftungskonzepte erforderlich, die zu einer Reduktion von umwelt­ und klimarelevanten Emissionen führen, z. B. durch freiwil­ lige Wiedervernässung. Für die landwirtschaftlichen Betriebe sind entsprechende Ausgleichs­ oder Förder­ maßnahmen erforderlich. Auch die Bewirtschaftungspraktiken im Ackerbau müs­ sen hinsichtlich ihrer Energieeffizienz weiterentwickelt werden, etwa durch Reduzierung der Bodenbearbei­ tungsgänge. Für eine Minderung der N­Emissionen ist auch eine höhere Effizienz bei der Stickstoffausbringung notwen­ dig. Zuvor sind bereits N­Emissionen aus der Lagerung organischer Düngemittel zu reduzieren. Durch einen ef­ fizienteren Stickstoffeinsatz soll auch eine Reduktion des in der Produktion energieaufwendigen mineralischen N­Düngers erreicht werden. Ferner soll auch der Ackerbau einen Beitrag zur Errei­ chung der Energie­, Umwelt­ und Klimaziele leisten. Vorschlag für einen Indikator Treibhausgasberichterstattung Landwirtschaft 42 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder Maßnahmen 1. Vorhaben zur Messung und Reduzierung von THG­Emissionen im Ackerbau fördern. 2. Bewirtschaftungskonzepte für organische Böden im Hinblick auf den Klimaschutz erarbeiten. 3. Landwirtinnen und Landwirte bei der Wiedervernäs­ sung von Moorböden sowie bei der Einführung von Paludikulturen unterstützen und Moorbodenschutz langfristig honorieren. 4. Landwirtschaftliche Betriebe bei Maßnahmen zur Kohlenstoffspeicherung im Boden unterstützen, etwa durch Humusaufbau (s. Handlungsfeld Boden) bzw. durch die Einführung neuer Anbausysteme (z. B. Agroforst) oder durch Modelle zur Honorierung der Kohlenstoffbindung im Boden. 5. Maßnahmen des Klimaschutzprogramms 2030 der Bundesregierung, die den Ackerbau betreffen, umset­ zen, darunter u. a. → Senkung der Stickstoffüberschüsse einschließ­ lich Minderung der Ammoniakemissionen und gezielte Verminderung der Lachgasemissionen, Verbesserung der Stickstoffeffizienz → Ausbau des Ökolandbaus → Verbesserung der Energieeffizienz in der Land­ wirtschaft mit u. a. Fortführung und Ausweitung des BMEL­Bundesprogramms zur Steigerung der Energieeffizienz → Humuserhalt und ­aufbau im Ackerland → Schutz von Moorböden Wirtschaftlichkeitsbewertung Vermehrter Klimaschutz im Ackerbau kann für die landwirtschaftlichen Betriebe mit teilweise hohen Kosten verbunden sein. Hierzu wird eine Unterstützung ins­ besondere bei Investitionen in entsprechende Technik notwendig sein. LEUCHTTURMPROJEKT MODELL­ UND DEMONSTRATIONSVOR­ HABEN „HUMUSAUFBAU IN LANDWIRT­ SCHAFTLICH GENUTZTEN BÖDEN“ (BMEL-Förderung ab 2021) Der Humus, als Gesamtheit der organischen Boden substanz, ist von zentraler Bedeutung für zahlreiche Bodenfunktionen, die für den Pflanzenbau unerläss lich sind, und zudem ein bedeutender terrestrischer Speicher für Kohlenstoff. Vor diesem Hintergrund formuliert das Klimaschutzprogramm 2030 der Bun desregierung die Maßnahme, den Humuserhalt und aufbau im Ackerland zu stärken. Mit dem Modell- und Demonstrationsvorhaben „Humusaufbau in landwirt schaftlich genutzten Böden“ soll die Umsetzung dieser Maßnahme vorangetrieben werden. Ziel des Vorhabens ist es, innovative, langfristig wir kende Maßnahmen zum Humuserhalt und Humus aufbau, welche auf neuen Forschungserkenntnissen basieren, in der Praxis zu verbreiten und dafür zunächst auf Demonstrationsbetrieben umzusetzen. Neben der Erfassung von Daten zum Humusgehalt und -aufbau ist es im Rahmen dieses Konzeptes ebenfalls möglich, wirtschaftliche Folgen für die landwirtschaftlichen Betriebe besser abschätzen zu können. Ergänzend zu diesem Modell- und Demonstrationsvor haben ist auch die Durchführung von Forschungs- und Entwicklungsvorhaben geplant, die diese Zielsetzung unterstützen, indem beispielsweise bestehende Tech nologien zur Kohlenstofferfassung in Böden weiterent wickelt werden. Landwirtschaftlicher Boden unter einer Zwischenfruchtmischung mit Ramtillkraut und Senf 43 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau 3.10 Bildung und Beratung Ausgangslage Eine fundierte Sachkenntnis über ressourcen­ und umweltschonende Produktionstechnik und an den Klimawandel angepasste Anbausysteme in der land­ wirtschaftlichen Praxis ist die Voraussetzung für einen nachhaltigen und produktiven Ackerbau. Innovative Beratungs­ und Bildungskonzepte, welche verstärkt die Aspekte der Nachhaltigkeit und des Umwelt­ und Ressourcenschutzes umfassen, sind daher ein wichtiger Baustein. Problemstellung Die landwirtschaftlichen Bildungs­ und Beratungsstruk­ turen, Beratungsangebote sowie Förder­ und Finanzie­ rungsmodalitäten sind im Vergleich der Bundesländer vielfältig und stark differenziert. Dies wird verstärkt durch die zunehmende Privatisierung von Beratungs­ dienstleistungen. Zielkonflikte Bildung und Beratung sind grundsätzlich hoheitliche Aufgaben der Länder. Bund und Länder müssen unter Einbeziehung der Sozialpartner und Berufsverbände eine Konsenslösung erarbeiten, um in der landwirt­ schaftlichen Bildung und Beratung effektive Wege der Zusammenarbeit zu entwickeln und um dem Bildungs­ und Beratungsbedarf für einen nachhaltigen Ackerbau zu entsprechen, ohne die Zuständigkeiten der Länder zu verletzen. Ziele Bildung und Beratung stärken 1. Die qualifizierte Aus­ und Weiterbildung von Land­ wirtinnen und Landwirten sowie die Stärkung des Wissensaustauschsystems (Vernetzung) zwischen den entscheidenden Akteurinnen und Akteuren aus Landwirtschaft, Wissenschaft, Beratung, Unternehmen und Ausbildung sowie die Stärkung der landwirtschaft­ lichen Beratung sind als zentrale Maßnahmen anzuse­ hen. Insbesondere Beratung kann in Verbindung mit Förder­ oder Investitionsprogrammen dazu beitragen, dass sich klimaangepasste, ressourcen­ und umwelt­ schonende Produktionstechniken in den landwirt­ schaftlichen Betrieben schneller etablieren. Forschungs­ ergebnisse müssen anwendungsorientiert schneller an die Praxis vermittelt werden. Die Umsetzung innovati­ ver Forschungsergebnisse ist zu gewährleisten. 2. Die landwirtschaftliche Berufsausbildung und Weiterbildung sollte die Vielfalt der beschriebenen Handlungsfelder berücksichtigen. Dies gilt insbe­ sondere für die biodiversitäts­ und klimarelevanten Aspekte. Dazu müssen innovative Bildungs­ und Beratungskonzepte entwickelt werden, die verstärkt die Aspekte der Nachhaltigkeit und des Ressour­ censchutzes umfassen. Zur Demonstration sind geeignete Modellanlagen zu erstellen, die für einen intensiven Wissenstransfer an die Landwirtinnen und Landwirte genutzt werden können. Bestehende Bildungsstätten in den Ländern, wie die überbe­ trieblichen Bildungseinrichtungen, sollten hierfür vorrangig genutzt werden. Vorschläge für Indikatoren 1. Nachfrage nach Bildungsangeboten bzw. Akzeptanz der Angebote der Ackerbaustrategie 2. Einbindung der erstellten Informationsmaterialien und deren Inhalte in die tatsächliche Aus­, Fort­ und Weiterbildung sowie in die Beratung Maßnahmen 1. Seminare für Beratende und Lehrende im Hinblick auf Maßnahmen/Optionen der Ackerbaustrategie entwickeln und anbieten. 2. Informationsangebote zu Maßnahmen/Optionen der Ackerbaustrategie erstellen. 3. Maßnahmen im Rahmen der Leitbetriebe Pflanzen bau demonstrieren. 4. Systemare Ansätze im pflanzenbaulichen Versuchs­ wesen bearbeiten, auch unter Intensivierung von On-Farm-Research und „Living-Labs“ (Reallaboren). 5. Zeitnahe Übermittlung von Forschungsergebnissen in die Praxis/Beratung intensivieren, langfristige Umsetzung gewährleisten. 6. Weitere flankierende Maßnahmen des Bundes zur Stärkung der Beratung der Länder prüfen. Wirtschaftlichkeitsbewertung Landwirtschaftliche Betriebe werden von einer verbes­ serten Bildung und Beratung profitieren. Die im Rahmen dieser Strategie aufgezeigten Entwicklungsoptionen für den Ackerbau der Zukunft müssen in die landwirtschaft­ liche Berufsbildung und Beratung schnell und zuverlässig eingebracht werden. Dadurch werden die Maßnahmen der Ackerbaustrategie für die Landwirtinnen und Land­ wirte plausibler und ihre Akzeptanz würde deutlich erhöht werden. Durch optimierte Prozesse lassen sich Betriebsmittel einsparen, durch nachhaltigeres Wirtschaf­ ten sinken auch externalisierte Kosten. 44 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder 3.11 Landwirtschaft und Gesellschaft Ausgangslage Die Landwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahr­ zehnten, wie andere Wirtschaftsbereiche auch, durch die schnell fortschreitende Technisierung und den Wettbewerbsdruck stark verändert. Der Anteil der Bevölkerung, der in Städten lebt, steigt seit Jahrzehnten. Immer weniger Menschen kennen moderne, nachhaltige Landwirtschaft aus eigener Anschauung. Häufig fehlen in der Gesellschaft Respekt und Wertschätzung für die Arbeit im Stall und auf dem Feld. Dies war auch die Basis für einen Agrargipfel im Bundeskanzleramt im De­ zember 2019 und damit Grundstein für die Bildung der Zukunftskommission Landwirtschaft. Problemstellung Moderne ackerbauliche Produktionsverfahren werden von der Gesellschaft teilweise kritisch betrachtet. Gly­ phosat, Gülle oder Monokulturen sind zu Reizwörtern geworden und der öffentliche Diskurs wird oft emoti­ onal geführt. Dabei wird in einem wohlhabenden Land wie Deutschland die zentrale Bedeutung des Ackerbaus für eine sichere Nahrungsmittelversorgung unterschätzt, da auftretende Engpässe in der heimischen Produkti­ on leicht durch Importe vom Weltmarkt ausgeglichen werden können. Durch Importe können zudem Umwelt­ schäden durch weniger nachhaltige Produktionsprakti­ ken im Ausland entstehen. Auf der anderen Seite sind auch negative Umwelt und Klimawirkungen der intensiven ackerbaulichen Produktion, wie Nitratbelastungen des Grundwassers, Treibhausgasemissionen oder der Rückgang der Biodi­ versität in der Agrarlandschaft, ausschlaggebend für eine fehlende gesellschaftliche Akzeptanz des Ackerbaus. Zielkonflikte Ein zunehmender Teil von Verbraucherinnen und Verbrauchern fordert eine Bewirtschaftung, die alter­ native Pflanzenschutzmethoden, die Berücksichtigung der Artenvielfalt und andere ökologisch nachhaltige Methoden verfolgt. Dabei müssen landwirtschaftliche Betriebe kostendeckend wirtschaften und haben oft wenig Spielraum, um die Anforderungen der Gesell­ schaft umzusetzen. Zwischen diesen Positionen gilt es, aufzuklären, zu vermitteln und auszugleichen. Ziele Mehr Wertschätzung für Landwirtinnen und Landwirte Um eine verbesserte Akzeptanz der Landwirtschaft in der Gesellschaft zu erreichen, müssen ihre negati­ ven Auswirkungen verringert werden, z. B. indem zu hohe Nitratkonzentrationen im Grundwasser deutlich abnehmen und Biodiversität in der Agrarlandschaft messbar zunimmt. Dies könnte Grundlage einer verbes­ serten Kommunikation sein. Auch gilt es, den wertvollen Beitrag, den Landwirtinnen und Landwirte für eine vielfältige, nachhaltige Ernährung leisten, deutlicher herauszustellen. Die Abläufe in modernen, nachhaltigen Betrieben müssen auch der breiten Öffentlichkeit plau­ sibel und transparent vermittelt werden, beispielsweise in Demonstrationsbetrieben (Leitbetriebe Pflanzenbau). Es gilt, Verbraucherinnen und Verbraucher dafür zu sensibilisieren, dass ihr Verhalten beim Einkauf von Lebensmitteln im direkten Zusammenhang mit der Ausgestaltung der Produktionssysteme steht und dass eine Landwirtschaft mit Ackerbau und vielfältiger Nutztierhaltung auf einem Betrieb im Rahmen der Glo­ balisierung häufig nicht mehr ausreichend wettbewerbs­ fähig ist. Mittelbar wird der Gesellschaft die Vermeidung von Umweltschäden, die Ressourcenschonung (Wasser, Klima) und die Zukunftssicherung der Landwirtschaft einen hohen Gewinn bringen. Vorschläge für Indikatoren 1. Kontinuierliche Marktanalysen/Meinungsumfragen zur Wahrnehmung des Ackerbaus in der Gesellschaft 2. Marktanteile von zertifizierten Produktionsformen Maßnahmen 1. Ein permanentes Netzwerk aus ackerbaulichen Be­ trieben („Leitbetriebe Pflanzenbau“) etablieren, das den aktuellen Status quo des innovativen Ackerbaus praktiziert und öffentlichkeitswirksam demonstriert. Diese Betriebe praktizieren bereits viele der Maß­ nahmen und Techniken, die in der Ackerbaustrategie vorgeschlagen sind. Sie können auch Ansprechperso­ nen für interessierte Berufskolleginnen und Berufs­ kollegen sein. Diese Leitbetriebe können ggf. in ein noch zu etablierendes BMEL­Betriebsnetzwerk inte­ griert werden, in welchem durch wissenschaftliche Begleitung die Transformation der Landwirtschaft unterstützt wird. 45 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau LEUCHTTURMPROJEKT LEITBETRIEBE PFLANZENBAU (BMEL-gefördertes Vorhaben ab 2021) Zur Begleitung und Umsetzung der Ackerbaustrategie wird in Abstimmung mit den Bundesländern ein Netz­ werk von landwirtschaftlichen Betrieben etabliert - die Leitbetriebe Pflanzenbau. In diesen Betrieben wird die Anwendung neuer praxisrelevanter Maßnahmen, die in der Ackerbaustrategie benannt sind, im praktischen Betrieb demonstriert und der Öffentlichkeit, der Praxis und unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen zugänglich gemacht. Die Leitbetriebe unterstützen die Vermittlung von Wis­ sen über nachhaltigen Pflanzenbau (Pflanzenschutz, Düngung, Bodenfruchtbarkeit durch Humuserhalt und mehrung, Kulturpflanzenvielfalt, biodiversitäts- und insektenfreundliche Sonderflächen u. a. m.). Durch die Veranstaltung von Feld- und Hoftagen tragen die Leitbetriebe dazu bei, moderne Pflanzenbausysteme mit biodiversitäts- und klimaschonendem Pflanzenbau authentisch, glaubwürdig und transparent darzustellen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit sollen in diesen Leitbetrieben Informationsmaterialien für alle Besu cherschichten bereitgehalten werden, vom Kindergar tenkind bis zur Fachhochschulabsolventin. Das Bundes informationszentrum Landwirtschaft (BZL) hält dafür bereits einen Fundus bereit. Die Leistungen der Leitbetriebe werden im Rahmen des Netzwerkes entlohnt. 46 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder 2. Transparenz für Verbraucherinnen und Verbrau­ cher am Markt schaffen (Label/Zertifizierung für nachhaltige/biodiversitätsfreundliche Produktion im Ackerbau). So könnten Verbraucherinnen und Verbraucher im Supermarkt auf einen Blick erken­ nen, ob Getreide oder andere Feldfrüchte aus einem besonders die Artenvielfalt fördernden Ackerbau kommen. 3. Lern- und Infomaterialien für alle Adressatenkreise und Altersgruppen entwickeln und bereitstellen, um das gegenseitige Verständnis und die Wertschätzung zu erhöhen. Dazu gehört u. a., dies auch an die Kul­ tusministerkonferenz zu adressieren. 4. Als Teil eines deutschlandweiten Dialogprozesses mit der Gesellschaft zur Landwirtschaft wird auch das Thema Ackerbau intensiv behandelt. Als Teil der Öffentlichkeitsarbeit spielen auch die Leitbetriebe Pflanzenbau eine wichtige Rolle. Wirtschaftlichkeitsbewertung Mit zunehmend nachhaltigeren Produktionsmethoden und steigendem Verständnis der Verbraucherinnen und Verbraucher kann sich auch die Zahlungsbereitschaft für nachhaltigere landwirtschaftliche Erzeugnisse erhöhen. Der wesentliche Beitrag, um landwirtschaftliches Handeln in modernen Ackerbaubetrieben begreifbar und erlebbar zu machen, soll durch ein bundesweites Betriebsnetz von „Leitbetrieben Pflanzenbau“ erfolgen. Die teilnehmen­ den Betriebe werden für ihre Aufwendungen im Hinblick auf Öffentlichkeitsarbeit und Demonstrationsprojekte auf ihren Flächen entlohnt. Hierfür sind zusätzliche Finanz­ mittel erforderlich. Einzelmaßnahmen sind hinsichtlich ihrer Kosten zu bewerten. 3.12 Begleitung der Umsetzung Ausgangslage Der Ackerbau konzentriert sich heute aufgrund des wirtschaftlichen Drucks auf wenige wirtschaftlich inte­ ressante Kulturen. Weizen, Silomais, Wintergerste und Winterraps machen mehr als 60 Prozent des Anbaus in Deutschland aus. Für eine Erweiterung des Anbauspek­ trums sowie für weitere neue Anforderungen haben die ackerbaulichen Betriebe in Deutschland aufgrund stark schwankender Einkommen und der starken Konkurrenz vom Weltmarkt zunehmend weniger Spielraum für kostenträchtige Veränderungen. Problemstellung Eine konsequente Umsetzung der Leitbilder und Ziele dieser Strategie macht Veränderungen im Ackerbau er­ forderlich. Entsprechende Veränderungen, beispielswei­ se bei der Anwendung von Dünge­ und Pflanzenschutz­ mitteln, weitere Fruchtfolgen, stärkere Berücksichtigung von Biodiversitätsbelangen und Umweltanforderungen, sind mit Mehraufwand verbunden. Demgegenüber stehen Kosteneinsparungen aus der Anwendung des Prinzips des Integrierten Anbaus und der Vermeidung von bislang externalisierten Kosten durch Umweltschä­ den (Nitratbelastungen im Grundwasser, Gewässer­ verschmutzungen und Biodiversitätsverlust). Kosten belastungen und Synergieeffekte sind gegeneinander abzugleichen und mit entsprechenden Programmen zu begleiten. Zielkonflikte Die Anforderungen einiger Verbraucherinnen und Ver­ braucher an die Gemeinwohlleistungen des Ackerbaus stehen dem Wunsch anderer Verbraucherinnen und Verbraucher nach niedrigen Preisen für Lebensmittel entgegen. Ziele Umsetzung der Ackerbaustrategie politisch und finanziell begleiten 1. Um die Ziele der Ackerbaustrategie zu erreichen, bedarf es insbesondere in der Start­ und Übergangs­ phase gezielter Förderprogramme, um die dafür notwendigen Aufwendungen und Investitionen zu unterstützen und zu ermöglichen. Gezielte Unter­ stützung ist beispielsweise im Rahmen der GAK möglich, wie auch in Förderprogrammen des Bundes. Fördermittel aus dem Bundeshaushalt können im Rahmen bestehender Programme zur Verfügung gestellt werden. 2. Grundsätzlich muss die ganze Gesellschaft einen Beitrag für die von ihr geforderte Umstellung des Ackerbaus leisten. Viele der geforderten Leistungen der Landwirtschaft liegen über den gesetzlichen Standards (z. B. im Bereich Umwelt­ und Klimaschutz) und werden in der Regel nicht über den Markt durch entsprechende Produktpreise honoriert. Anforderun­ gen an den Ackerbau, die oberhalb gesetzlich veran­ kerter Leistungen liegen und dem Allgemeinwohl dienen, müssen monetär bewertet werden. Steigende ökologische und klimapolitische Anforderungen und eine wettbewerbsfähige Pflanzenproduktion dürfen sich jedoch nicht ausschließen und der angestrebten Einkommenssicherung muss gleichermaßen Rech­ nung getragen werden. 3. Da der Ackerbau in Deutschland in den europäischen Markt eingebunden ist, müssen künftig auch ein heitliche Anforderungen an die Weiterentwicklung 47 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau des Ackerbaus auf europäischer Ebene entwickelt und mit Maßnahmen unterstützt werden. Ziel ist die internationale Vernetzung der Ackerbaustrategie, um weitgehend einheitliche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Vorschläge für Indikatoren 1. Monitoring der jeweiligen Handlungsfelder 2. Fortlaufende ökonomische und ökologische Bewer­ tung der Einzelmaßnahmen dieser Strategie 3. Ergänzende Bewertung der Strategie durch ständigen Begleitausschuss 4. Monitoring zum Erfolg alternativer Absatzmärkte für neue Kulturpflanzen Maßnahmen 1. Vorschläge zum künftigen Umbau der Agrarförde­ rung erarbeiten, u. a. zugunsten eines angepassten Ausgleichs ackerbaulicher Gemeinwohlleistungen. 2. Einzelmaßnahmen dieser Strategie fortlaufend öko nomisch bewerten. 3. Intensive Analyse und Bewertung möglicher Unter­ stützungsoptionen von Bund und Ländern. 4. Folgenabschätzung der ökonomischen und ökolo­ gischen Effekte der Strategie durchführen, Ökosys­ temleistungen, zu erwartende Synergieeffekte und mögliche Kostendegressionseffekte (hinsichtlich Boden, Fruchtfolgewirkungen, Biodiversität, Klima etc.) überwachen und bewerten. 5. „Ständigen Begleitausschuss Ackerbaustrategie“ einrichten. 6. Ackerbaustrategie im fünfjährigen Turnus evaluieren und ggf. anpassen. Wirtschaftlichkeitsbewertung Parallel zur Umsetzung der Ackerbaustrategie sind die Kosten der jeweiligen Einzelmaßnahmen zu ermitteln und synergistische Effekte zu bewerten. Darüber hinaus analysiert ein Begleitgremium die ökonomische Wir kung der Ackerbaustrategiemaßnahmen und schlägt dem BMEL notwendige Verbesserungen vor. 48 49 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen PflanzenbauACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Handlungsfelder KULTURPFLANZENVIELFALT DÜNGUNG PFLANZENSCHUTZ PFLANZENZÜCHTUNGKLIMAANPASSUNG KLIMASCHUTZ BILDUNG & BERATUNG BEGLEITUNG DER UMSETZUNG LANDWIRTSCHAFT & GESELLSCHAFT DIGITALISIERUNGBIODIVERSITÄT BODEN Die Handlungsfelder der Ackerbaustrategie 2035 4 Überblick 51 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau Der Ackerbau leistet mit Abstand den größten Beitrag zur Versorgung von Mensch und Tier in Form von Nahrungs­ und Futtermitteln und bildet dadurch die Grundlage unserer Ernährung. In den vergangenen Jahrzehnten wurden enorme Leistungssteigerungen er­ reicht. Dies ermöglicht uns eine sichere Versorgung mit Nahrungsmitteln in hoher Qualität. Die hohe Produk­ tivität des Ackerbaus bringt jedoch auch Herausforde rungen hinsichtlich Umwelt­, Natur­ und Klimaschutz, Ökonomie und gesellschaftlicher Akzeptanz mit sich. Zudem müssen für bestehende Zielkonflikte Lösungs­ möglichkeiten gefunden werden. Die Grundlagen der im Koalitionsvertrag der 19. Legis­ laturperiode beschlossenen Ackerbaustrategie wurden von einer Arbeitsgruppe aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Geschäftsbereiches des Bundes­ ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und einiger Bundesländer erarbeitet. Auf Basis dieser Vorarbeiten wurde das Diskussionspapier „Ackerbau­ strategie 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau“ erstellt, veröffentlicht und in einem breiten öffentlichen Prozess diskutiert. Nach anschließender Überarbeitung liegt hiermit die Acker­ baustrategie des BMEL vor. Die vorliegende Strategie ist mittel- bis langfristig ausgelegt. Sie kann kein Handbuch sein. Mit der Acker­ baustrategie will das BMEL den Rahmen für einen zukunftsfähigen Ackerbau in Deutschland beschreiben, Perspektiven aufzeigen und die Landwirtschaft aktiv bei der Umsetzung unterstützen. Aufbau der Ackerbau strategie Die Ackerbaustrategie gliedert sich in sechs Leitlinien und zwölf Handlungsfelder. Die Leitlinien dienen dabei als Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Aus­ richtung des Ackerbaus. Leitlinien → Versorgung mit qualitativ hochwertigen Nahrungs­ mitteln, Futtermitteln und biogenen Rohstoffen sicherstellen → Einkommen der Landwirtinnen und Landwirte sichern → Umwelt- und Ressourcenschutz stärken → Biodiversität in der Agrarlandschaft bewahren → Beitrag zum Klimaschutz ausbauen und Ackerbau an den Klimawandel anpassen → Gesellschaftliche Akzeptanz des Ackerbaus erhöhen Handlungsfelder Für jedes Handlungsfeld sind in der Strategie die Prob­ lembereiche und Zielkonflikte beschrieben. Als Lösungs­ ansätze wurden Ziele und Maßnahmen erarbeitet. Die folgenden zwölf Punkte beschreiben die grundlegende Zielrichtung der Handlungsfelder: 1. Bodenschutz weiter stärken und Bodenfruchtbarkeit erhöhen 2. Kulturpflanzenvielfalt erhöhen und Fruchtfolgen erweitern 3. Düngeeffizienz erhöhen und Nährstoffüberschüsse verringern 4. Integrierten Pflanzenschutz stärken und uner­ wünschte Umweltwirkungen reduzieren 5. Widerstandsfähige und standortangepasste Arten und Sorten entwickeln 6. Ackerbauliche Potenziale mithilfe der Digitalisie rung optimal nutzen 7. Biodiversität in der Agrarlandschaft verstärken 8. Klimaangepasste Anbaukonzepte entwickeln 9. Klimaschutz im Ackerbau ausbauen und Synergien nutzen 10. Bildung und Beratung stärken 11. Mehr Wertschätzung für Landwirtinnen und Land­ wirte erreichen 12. Umsetzung der Ackerbaustrategie politisch und finanziell begleiten Umsetzung der Ackerbau strategie/Maßnahmen Der Ackerbau ist ein komplexes System, einfache Lö­ sungsansätze sind häufig nicht zielführend. Aus diesem Grund sind in der Ackerbaustrategie eine Vielzahl von Einzelmaßnahmen beschrieben, die zur Lösung der Herausforderungen beitragen. Beispielhaft sind hier einige der Maßnahmen beschrieben. Viele der Maßnahmen richten sich direkt an die Land­ wirtinnen und Landwirte und sollen dadurch die Weiter­ entwicklung des Ackerbaus unterstützen, beispielsweise durch die Erarbeitungen von Handlungsempfehlungen zum Humusaufbau und die Förderung von Absatz märkten für neue und wenig genutzte Arten und Sorten zur Erweiterung des Kulturpflanzenspektrums. Nähr­ stoffüberschüsse aus der landwirtschaftlichen Düngung sollen durch das Bundesprogramm Nährstoffmanage 52 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Überblick ment reduziert werden und die verstärkte Entwicklung von biologischen und anderen nicht chemischen Verfahren im Pflanzenschutz wird den nachhaltigen Pflanzenbau stärken. Im Hinblick auf die Anpassung des Ackerbaus an den Klimawandel sollen regionalspezifische Empfehlungen erarbeitet werden sowie die Möglichkeiten des Aus­ und Aufbaus von Bewässerungskapazitäten geprüft werden. Für den Einsatz der Digitalisierung in der Landwirtschaft forciert das BMEL die Schaffung der rechtlichen Rah menbedingungen und fördert die Entwicklung innova tiver und digitaler Technologien. Für die Beschleunigung des Züchtungsfortschrittes setzt sich das BMEL für die Anpassung der europäischen Vorschriften zu „Neuen molekularbiologischen Tech niken“ ein. Die Belange des Ökolandbaus werden hierbei berücksichtigt. In Bezug auf die Biodiversität in der Agrarlandschaft fördert das BMEL erstmals ein bundesweites Monito ring der Biodiversität in der Agrarlandschaft, um eine repräsentative Datenlage zu erhalten. Zudem ist vorge­ sehen, den Aufbau regionaler Stakeholderverbünde aus Landwirtschaft, Umwelt und Verwaltung zur Planung und Umsetzung von regional abgestimmten biodiversi­ tätsfördernden Maßnahmen zu unterstützen. Durch die Etablierung der Leitbetriebe Pflanzenbau, eines bundesweiten Netzwerkes landwirtschaftlicher Betriebe, soll die Wertschätzung für die Landwirtinnen und Landwirte verbessert werden. Die Leitbetriebe sollen Anlaufstelle für die interessierte Öffentlichkeit und die Fachkolleginnen und ­kollegen sein, um den aktuellen Status quo des innovativen Ackerbaus zu demonstrieren. Die vorliegende Strategie soll im fünfjährigen Turnus evaluiert und bei Bedarf angepasst werden. 53 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau 5 Anhang 55 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau Nr. Maßnahme V er so rg un g Sc h ut z n at ür li ch er R es so ur ce n Fö rd er un g B io d iv er si tä t K li m aa n p as su n g K li m as ch ut z G es el ls ch af tl ic h e A kz ep ta n z U m se tz ba rk ei t Boden 3.1.1 Standortspezifische Handlungsempfehlungen zur Erhaltung und ggf. Steigerung der Bodenfruchtbarkeit entwickeln, insbesondere zum Humuserhalt und -aufbau. + + + + ++ o kurz 3.1.2 Neue alternative ackerbauliche Produktionsverfahren im Rahmen des Integrierten Pflanzenbaus erproben und umsetzen. + + + + + o mittel 3.1.3 Verfahren zur Mulch-/Direktsaat unter veränderter Pflanzen schutzsituation (z. B. Wegfall von Glyphosat ab 2023) erproben. o o o + + + kurz 3.1.4 Besonders nachhaltige und den Boden schützende Verfahren im Ackerbau im Rahmen der GAP und der GAK weiterhin fördern und fortentwickeln. o ++ + + + + kurz 3.1.5 Ganzjährige Bodenbedeckung fördern, z. B. durch mehrjährige Kulturen, Zwischenfruchtanbau, Untersaaten, Einbau von Ernte und Zwischenfruchtrückständen. + ++ ++ + + + kurz 3.1.6 Schutzmechanismen vor Bodenverdichtung durch Fahrzeugpara meter fördern, die an die standörtliche und saisonale Belastbarkeit des Bodens angepasst sind, z. B. Reifendruckverstelltechnik. + ++ + + + + kurz 3.1.7 Flurbereinigungsverfahren stärker auf Bodenschutz und Erosions minderung ausrichten. + ++ + + + + mittel 3.1.8 Landwirtschaftliche Flächenverluste reduzieren. + ++ + + + o mittel 3.1.9 Bodenrecht novellieren zur breiten Streuung des Bodeneigen tums, des Vorrangs von Landwirtinnen und Landwirten beim Flächenerwerb, um Bodenerwerb durch außerlandwirtschaftliche Investoren zu minimieren. + + o o o o mittel – lang Öffentlicher Diskussionsprozess Das Diskussionspapier zur Ackerbaustrategie 2035, welches Bundesministerin Julia Klöckner Ende 2019 der Öffentlichkeit vorgestellt hat, war die Grundlage für einen breiten öffentlichen Diskussionsprozess. Dieser hat Folgendes beinhaltet: → Länder, Verbände aus Landwirtschaft und Umwelt sowie wissenschaftliche Beiräte des BMEL wurden um schriftliche Stellungnahme zum Diskussions­ papier gebeten. → Eine Onlineplattform, auf der sich alle Bürgerin­ nen und Bürger öffentlich und nicht öffentlich zum Diskussionspapier äußern konnten, war von Juli bis August 2020 freigeschaltet. Insgesamt wurden 68 schriftliche Stellungnahmen abgegeben. Auf der Onlineplattform haben sich über 3.000 Personen – vorwiegend aus dem landwirtschaft­ lichen Bereich – angemeldet und ca. 4.000 Beiträge und Kommentare zum Diskussionspapier abgegeben. Das Diskussionspapier wurde auf Grundlage der zahlrei­ chen Rückmeldungen und Anmerkungen des Diskussi­ onsprozesses überarbeitet. Bewertungsmatrix In der folgenden Bewertungsmatrix sind die Maßnah­ men der Ackerbaustrategie den grundlegenden Zielen gegenübergestellt und in Hinsicht auf ihre Wirkung bewertet. Zudem wurde die Umsetzbarkeit der Maßnah­ men (in Bezug auf Kurz­, Mittel­ oder Langfristigkeit) bewertet. Die Bewertung ist angelehnt an den unver­ öffentlichten Abschlussbericht des Arbeitsteams. Eine ökonomische Bewertung der Maßnahmen ist in dieser Matrixtabelle nicht enthalten. ++ sehr positive Wirkung + positive Wirkung o keine direkte Wirkung ­ negative Wirkung ­­ sehr negative Wirkung 56 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Anhang Nr. Maßnahme V er so rg un g Sc h ut z n at ür li ch er R es so ur ce n Fö rd er un g B io d iv er si tä t K li m aa n p as su n g K li m as ch ut z G es el ls ch af tl ic h e A kz ep ta n z U m se tz ba rk ei t Kulturpflanzenvielfalt und Fruchtfolge 3.2.1 Anbauversuche im Hinblick auf die Erweiterung des Kulturpflanzenspektrums in Fruchtfolgen fördern. + o + + + + kurz – mittel 3.2.2 Entscheidungshilfen für Landwirtinnen und Landwirte zum standortgerechten Anbau von Kulturpflanzen entwickeln. + + + ++ o + kurz 3.2.3 Modell- und Demonstrationsvorhaben zu regionalen Bioökonomiekonzepten fördern. + + + + + o mittel 3.2.4 Modell- und Demonstrationsvorhaben Integrierter Pflanzenbau („IPB“) etablieren, aufbauend auf dem Modell und Demonstrationsvorhaben Integrierter Pflanzenschutz. + + + + + + mittel 3.2.5 Absatzmärkte für bisher wirtschaftlich unbedeutende Kultur pflanzen im Rahmen von Projekten und unter Einbindung der gesamten Wertschöpfungskette – also von der Züchtung über die Produktion bis zum Handel und zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern – erschließen. + + + + o + mittel – lang 3.2.6 Spektrum an nachwachsenden Rohstoffen für die stoffliche und energetische Nutzung erweitern, als Alternative zu Mais und Raps. Förderung z. B. auch als Agrarumwelt- und Klimamaßnahme. o o + + o + mittel 3.2.7 „Vielfältige Kulturen im Ackerbau“ auch zukünftig im Rahmen der GAP und der GAK fördern. o + + + o + kurz Düngung 3.3.1 Landwirtinnen und Landwirte bei Investitionen im Zusammen hang mit Transformationsprozessen infolge der Dünge verordnung unterstützen (Investitions- und Zukunftsprogramm Landwirt schaft). o + + o + + kurz 3.3.2 Vorhaben fördern, die zur Steigerung der Nährstoffeffizienz, Emis sionsreduktion und besseren Verteilung von organischen Dünge mitteln beitragen (Bundesprogramm Nährstoffmanagement). + ++ + o + o kurz – lang 3.3.3 Nährstofftransfer in Fruchtfolgen und Anbausystemen in der Forschung verstärkt berücksichtigen. + + + o + o kurz – mittel 3.3.4 Wirkungsmonitoring der Düngeverordnung einschließlich der Weiterentwicklung des Modells AGRUM-DE mit den Ländern entwickeln und umsetzen. o + o o o + mittel – lang 3.3.5 Das bundesweite Früherkennungssystem für Nitrateinträge aus der Landwirtschaft fortführen und weiterentwickeln. Modellregio nen zur Unterstützung des Wirkungsmonitorings bilden. o + o o o + mittel – lang Pflanzenschutz 3.4.1 Biologische und andere nicht chemische Pflanzenschutzmittel und Verfahren im Pflanzenschutz entwickeln und intensiver fördern. + + + + o ++ kurz – lang 3.4.2 Computergestützte Prognosemodelle und Entscheidungs hilfen im Pflanzenschutz aktualisieren und weiterentwickeln. Entscheidungshilfemodelle für neue Schadorganismen entwickeln und einführen. + + + o + o mittel 3.4.3 Sorten- und erregerspezifische sowie wirkstoffgruppenspezifische Prognose- und Schadschwellenmodelle, u. a. zur Nutzung von Low-Risk-Produkten, entwickeln bzw. erarbeiten. + + + o + + kurz – mittel 3.4.4 Alternative und zuverlässig wirksame Pflanzenschutzverfahren für die konservierende, erosionsmindernde Bodenbearbeitung entwickeln und Verfügbarkeit sicherstellen. + + o o o + mittel 3.4.5 Landwirtschaft bei Investitionen in besonders umwelt- und klima schonende Bewirtschaftungsweisen durch das Investitions- und Zukunftsprogramm finanziell unterstützen. o + + o o + kurz 57 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau Nr. Maßnahme V er so rg un g Sc h ut z n at ür li ch er R es so ur ce n Fö rd er un g B io d iv er si tä t K li m aa n p as su n g K li m as ch ut z G es el ls ch af tl ic h e A kz ep ta n z U m se tz ba rk ei t Pflanzenzüchtung 3.5.1 Politische Gestaltungsoptionen zum Umgang mit NMT entwickeln. noch nicht bewertbar mittel – lang 3.5.2 Züchterische Verbesserung von Kulturpflanzen im Hinblick auf Toleranz-, Resistenz- und Effizienzeigenschaften fördern. + o + ++ o + mittel – lang 3.5.3 Züchtung neuer und züchterische Verbesserung wenig genutzter Kulturpflanzen fördern. + o + ++ + + mittel 3.5.4 Wissenschaftliche Arbeitsgruppen initiieren und unterstützen, die sich (wieder) mit der züchterischen Entwicklung kleiner bzw. in den letzten Jahren vernachlässigter Kulturarten beschäftigen. + o + ++ o + kurz 3.5.5 Neue beschreibende Sorteneigenschaften (beispielsweise Toleranz gegen biotische und abiotische Schadursachen, Nährstoffeffizienz, insbesondere Stickstoffeffizienz) im Sortenprüfwesen aufnehmen und jeweilige Gewichtung bei der Bewertung der wertbestimmen den Eigenschaften prüfen. + o o ++ + o kurz – mittel Digitalisierung 3.6.1 Möglichkeiten zur Einführung eines unabhängigen „Qualitäts TÜV“ für digitale Anwendungen in der Landwirtschaft prüfen. o o o o o o kurz – mittel 3.6.2 Innovative und digitale Technik für mögliche Verfahren und Arbeitsweisen zur Anwendung im Ackerbau entwickeln und för dern; insbesondere bei der Bodenbearbeitung, der Düngung und im Pflanzenschutz zur Verbesserung der Bodengesundheit sowie der allgemeinen Effizienzverbesserung dieser Sektoren. + ++ + + + o mittel – lang 3.6.3 Investitionen in digitale Technologien fördern, auch für kleine und mittlere Betriebe und den überbetrieblichen Einsatz. + + + + + o kurz – mittel 3.6.4 Flächendeckende Mobilfunkabdeckung sowie eine entsprechende Verfügbarkeit von Satellitenkorrektursignalen etablieren. + + o o o + mittel 3.6.5 Den Zugang zu öffentlichen Daten für Landwirtinnen und Land wirte in praxisgerechter Form gewährleisten. + + + + + o kurz – mittel 3.6.6 Digitale Experimentierfelder auf landwirtschaftlichen Betrieben bundesweit etablieren und so flächendeckend über nachhaltige digitale Technologien informieren. + + + + + + kurz mittel 3.6.7 Voraussetzungen prüfen, wie die in der Landwirtschaft erzeug ten Daten der Kontrolle („Datenhoheit“) der Landwirtin und des Landwirts unterliegen können und ausreichend vor unbefugtem Zugriff abgesichert sind. o o o o o + kurz – mittel Biodiversität 3.7.1 Systematisches, bundesweites Monitoring zur biologischen Vielfalt in Agrarlandschaften (Monitoring Verbundvorhaben des BMEL (MonViA)) durchführen. o o + o o + mittel 3.7.2 Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität im Rahmen der GAP/ GAK weiterführen und weiterentwickeln, z. B. „Fruchtfolgeglied Biodiversität“ einführen, ggf. Förderung als Agrarumwelt- und Klimamaßnahme (AUKM). o ++ o o ++ kurz – mittel 3.7.3 Regionale Biodiversitätsziele festlegen und biodiversitätsfördern de Maßnahmen über die Betriebsgrenzen hinaus besser vernetzen. o o ++ o o + mittel 3.7.4 Regionale Stakeholderverbünde aus Landwirtschaft, Umwelt und örtlicher Verwaltung zur Planung und Umsetzung von regio nal abgestimmten biodiversitätsfördernden Maßnahmen und Biotopverbundsystemen weiter fördern bzw. aufbauen – ggf. in Anlehnung an das „Niederländische Modell“. o o ++ o o + mittel 3.7.5 Administrative Hindernisse abbauen, administrativen Aufwand bei der Teilnahme an biodiversitätsfördernden Maßnahmen minimieren. o o + o o o kurz – mittel 58 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Anhang Nr. Maßnahme V er so rg un g Sc h ut z n at ür li ch er R es so ur ce n Fö rd er un g B io d iv er si tä t K li m aa n p as su n g K li m as ch ut z G es el ls ch af tl ic h e A kz ep ta n z U m se tz ba rk ei t 3.7.6 Strukturelemente zur Unterteilung von großen Schlägen schaffen beispielsweise mittels Agroforstsystemen, Feldhecken und Blühstreifen. + ++ + o ++ mittel 3.7.7 Den Ökolandbau weiter fördern. o + + + + + kurz – mittel Klimaanpassung 3.8.1 Regionale Betroffenheit evaluieren und regionalspezifische Empfehlungen für einen an den Klimawandel angepassten Acker bau ableiten (Kulturarten, Sorten und Fruchtfolgen, Bewirtschaf tungsmethoden, Bodenbearbeitung, Erosionsschutz, Wasser speicherung). + + o ++ o o mittel – lang 3.8.2 Maßnahmen zur Anpassung des Pflanzenbaus an den Klimawandel erproben und integrieren. + o o ++ o o mittel – lang 3.8.3 Auf- und Ausbau zusätzlicher Bewässerungskapazitäten prüfen, unter Berücksichtigung von bundesweiten Grundsätzen, z. B. zur Wasserentnahme und zu der Möglichkeit zur Speicherung von Niederschlagswasser. + o o ++ o o mittel – lang Klimaschutz 3.9.1 Vorhaben zur Messung und Reduzierung von THG-Emissionen im Ackerbau fördern. o o o o + + kurz – mittel 3.9.2 Bewirtschaftungskonzepte für organische Böden im Hinblick auf den Klimaschutz erarbeiten. + + o ++ o kurz – mittel 3.9.3 Landwirtinnen und Landwirte bei der Wiedervernässung von Moorböden unterstützen. + + o ++ + mittel – lang 3.9.4 Landwirtschaftliche Betriebe bei Maßnahmen zur Kohlenstoff speicherung im Boden unterstützen, etwa durch Humusaufbau (s. Handlungsfeld Boden) bzw. durch die Einführung neuer An bausysteme (z. B. Agroforst) oder durch Modelle zur Honorierung der Kohlenstoffbindung im Boden. o + + + ++ o kurz – mittel 3.9.5 Maßnahmen des Klimaschutzprogramms 2030 der Bundes regierung, die den Ackerbau betreffen, umsetzen. o + + o ++ + mittel Bildung und Beratung 3.10.1 Seminare für Beratende und Lehrende im Hinblick auf Maßnahmen/Optionen der Ackerbaustrategie entwickeln und anbieten. Kein direkter Einfluss kurz 3.10.2 Informationsangebote zu Maßnahmen/Optionen der Ackerbaustrategie erstellen. Kein direkter Einfluss kurz 3.10.3 Maßnahmen im Rahmen der Leitbetriebe Pflanzenbau demonstrieren. Kein direkter Einfluss kurz – mittel 3.10.4 Systemare Ansätze im pflanzenbaulichen Versuchswesen bearbeiten, auch unter Intensivierung von On-Farm-Research und „Living-Labs“ (Reallaboren). + + + + + + mittel – lang 3.10.5 Zeitnahe Übermittlung von Forschungsergebnissen in die Praxis/ Beratung intensivieren, langfristige Umsetzung gewährleisten. Kein direkter Einfluss kurz 3.10.6 Weitere flankierende Maßnahmen des Bundes zur Stärkung der Beratung der Länder prüfen. Kein direkter Einfluss mittel Landwirtschaft und Gesellschaft 3.11.1 Ein permanentes Netzwerk aus ackerbaulichen Betrieben („Leitbetriebe Pflanzenbau“) etablieren, das den aktuellen Status quo des innovativen Ackerbaus praktiziert und öffentlichkeits wirksam demonstriert. Kein direkter Einfluss ++ kurz 59 ACKERBAUSTRATEGIE 2035 – Perspektiven für einen produktiven und vielfältigen Pflanzenbau Nr. Maßnahme V er so rg un g Sc h ut z n at ür li ch er R es so ur ce n Fö rd er un g B io d iv er si tä t K li m aa n p as su n g K li m as ch ut z G es el ls ch af tl ic h e A kz ep ta n z U m se tz ba rk ei t 3.11.2 Transparenz für Verbraucherinnen und Verbraucher am Markt schaffen (Label/Zertifizierung für nachhaltige/biodiversitäts freundliche Produktion im Ackerbau). Kein direkter Einfluss ++ mittel – lang 3.11.3 Lern- und Infomaterialien für alle Adressatenkreise und Altersgruppen entwickeln und bereitstellen. Kein direkter Einfluss + kurz 3.11.4 Als Teil eines deutschlandweiten Dialogprozesses mit der Gesellschaft zur Landwirtschaft wird auch das Thema Ackerbau intensiv behandelt. Kein direkter Einfluss ++ kurz Begleitung der Umsetzung 3.12.1 Vorschläge zum künftigen Umbau der Agrarförderung erarbei ten, u. a. zugunsten eines angepassten Ausgleichs ackerbaulicher Gemeinwohlleistungen. Kein direkter Einfluss mittel 3.12.2 Einzelmaßnahmen dieser Strategie fortlaufend ökonomisch bewerten. Kein direkter Einfluss kurz 3.12.3 Intensive Analyse und Bewertung möglicher Unterstützungs optionen von Bund und Ländern. Kein direkter Einfluss kurz – mittel 3.12.4 Folgenabschätzung der ökonomischen und ökologischen Effekte der Strategie durchführen, Ökosystemleistungen, zu erwartende Synergieeffekte und mögliche Kostendegressionseffekte (hin sichtlich Boden, Fruchtfolgewirkungen, Biodiversität, Klima etc.) überwachen und bewerten. Kein direkter Einfluss kurz – mittel 3.12.5 „Ständigen Begleitausschuss Ackerbaustrategie“ einrichten. Kein direkter Einfluss kurz 3.12.6 Ackerbaustrategie im fünfjährigen Turnus evaluieren und ggf. anpassen. Kein direkter Einfluss mittel – lang HERAUSGEBER Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) Referat 711 Wilhelmstraße 54 10117 Berlin STAND August 2021 GESTALTUNG neues handeln AG TEX T BMEL DRUCK BMEL BILDNACHWEIS Titel: Volodymyr/stock.adobe.com Seite 3: Ute Grabowsky/photothek.net Seite 10: Steffen Eichner/stock.adobe.com Seite 11: ciaran oleary/EyeEm/stock.adobe.com Seite 24: K. Nerlich/BLE Seite 28: S. Wulf/KTBL Seite 30: Countrypixel/stock.adobe.com Seite 32: L. Kottmann/JKI Seite 34: BeST-SH Seite 37: Michael/stock.adobe.com Seite 40: ZALF Seite 42: Christian Mühlhausen/www.landpixel.de Seite 45: W PRODUCTION/stock.adobe.com Seite 53: hapo/Landpixel Diese Publikation wird vom BMEL unentgeltlich abgegeben. Sie darf nicht im Rahmen von Wahlwerbung politischer Parteien oder Gruppen eingesetzt werden. Weitere Informationen unter www.bmel.de @bmel Lebensministerium https://www.bmel.de/DE/Home/home node.html https://twitter.com/bmel https://www.instagram.com/lebensministerium/

Arable Farming Strategy 2035. Prospects for Productive and Diverse Crop Production · Nelum